Da Ray Harryhausen von "King Kong"
(1933) beeinflusst war, sind seine Dinosaurier aus "One Million Years B.C."
(Eine Million Jahre vor unserer Zeit, 1966) und "The Valley of Gwangi"
(Gwangis Rache, 1969) in einer Variation der urzeitlichen Schädelinsel der
Cooper/Schoedsack-Produktion versammelt, mit einem Mini-Modell von Raquel Welch
im Zentrum.
In einer Unterwasserdekoration lauern Riesenkrebs und Nautilus-Tintenfisch aus
"Mysterious Island" (Die geheimnisvolle Insel, 1961)
sowie Kraken, das vierarmige Seeungeheuer aus "Clash of the Titans" (Kampf der Titanen, 1981).
Die bekanntesten Kreaturen aus
Harryhausens "Sindbad"-Trilogie stehen in Reih und Glied: die
stählerne Armatur des menschenfressenden Zyklopen aus "The 7th
Voyage of Sinbad" (Sindbads 7. Reise, 1958), die sechsarmige Kali aus
"The Golden Voyage of Sinbad" (Sindbads gefährliche Abenteuer,
1972) - und in einer miniaturisierten, vorzeitlichen Höhle wird der Kampf
eines gehörnten Troglodyten gegen einen Säbelzahntiger aus "Sinbad
and the Eye of the Tiger" (Sindbad und das Auge des Tigers, 1977)
nachgestaltet.
In antiker Kulisse starren die alles
Lebende versteinernden Augen einer barbusigen Gruselversion der Medusa den
Museumsbesucher an. Calibos, die gehörnte Teufelsfigur, hat sich mit
einer Peitsche bewaffnet. Wie der Koloss von Rhodos steht Talos der Titan.
Und da sind auch die Skelette, die zu Harryhausens Markenzeichen wurden.
In "Jason and the Argonauts" (Jason und die Argonauten, 1963)
ließ er die Gerippe aus den Zähnen der vom Titelhelden erschlagenen
siebenköpfigen Hydra wachsen und lieferte den Recken der griechischen
Sage eine unvergessliche Schlacht.
In einem Dynamation-Aufbau, komplett mit Rückprojektor und Rückproschirm, wird
Harryhausens individuell zugeschnittene Technik
anhand eines Modells der Hydra anschaulich. Da meist geringe Budgets komplizierte Setups
aus Miniaturdekorationen und Multiplan-Glasgemälden à la "King Kong" verhinderten,
integrierte Harryhausen seine Modellfigur per
Split Screen (Bildteilung) direkt in ein
rückprojiziertes Realbild mit dem jeweiligen Darsteller und
trug damit wesentlich zum quasi dokumentarischen Naturalismus alptraumhafter Stoffe bei.
Eine einzelne Vitrine birgt unscheinbare,
nichtsdestotrotz bedeutsame Relikte der Stop Motion-Filmgeschichte: den
Pteranodon, der Fay Wray entführen wollte, aber von dem Riesenaffen "King
Kong" erwürgt wurde, von dem ein Animationsschädel ausgestellt ist - den
Schwanz eines Skorpions aus einem anderen Film von "Kong"-Schöpfer
und Harryhausen-Mentor Willis O'Brien: "The Black Scorpion" (1957) -
den Schädel des "Rhedo"saurus aus Harryhausens "The Beast From
20,000 Fathoms" (Panik in New York, 1953) und einen Oktopus ohne Tentakel
aus "It Came From Beneath The Sea" (1954).
Ray Harryhausen, dem die Academy einen Oscar für sein Lebenswerk und das
American Film Institute die Ehrendoktorwürde
verlieh, steht ganz in der archaischen Tradition der
Künstler des Neolithikums, und eben das macht
den Reiz seiner Schöpfungen aus, die dem Modellanimator alles abverlangen, was er über
Bildhauerei, Illustration, Miniaturisierung und in
Phasen zerlegte Bewegungen weiß.
Als Ray Harryhausen aufhörte, hatten sich
die, die er noch als Kinder beeinflusst hatte, von
der Handarbeit abgewandt. Sie wollten Weltraumgeschichten erzählen und sich dabei einer
modernen, einer der NASA und der Flugzeugindustrie entlehnten Technik bedienen. Ein
großer Modellaufbau rekonstruiert eine Szene aus Steven Spielbergs "Close Encounters of the
Third Kind" (Unheimliche Begegnung der dritten
Art, 1977): Das im Neonlicht erstrahlende Mutterschiff einer außerirdischen Zivilisation
landet majestätisch auf dem Devil's Tower, einem
Tafelberg in Wyoming. Als George Lucas "Star Wars" (Krieg der Sterne, 1977) drehte, gab es
so gut wie keine traditionellen Trickdepartments mehr. Junge Leute in Jeans und
Turnschuhen, John Dykstra, Richard Edlund und
Douglas Trumbull, der an "2001" mitgearbeitet
hatte, mussten Technik für sich neu erfinden, nur
moderner. So wagten sie einen Blick in die
Zukunft. Flugsimulatoren, Computergrafiken und Roboterkameras (Motion Control-Anlagen)
waren ihre technische Basis, ihre Blaupause nicht
mehr Dantes Inferno, sondern die infernalischen Kriegsbilder, die ein unvorstellbar
grausamer Zweiter Weltkrieg in das kollektive Unterbewusstsein der Menschheit gebrannt hatte.
Der Krieg der Sterne ist mit Stuka-Sound untermalt.
Der Sprung vom irdischen Krieg zum Krieg im Weltraum wird im Science fiction-Teil
der Ausstellung "Künstliche Welten"
dokumentiert am Beispiel mehrerer Requisiten und
Figuren: Stuka-Modell aus einem Kriegsfilm mit
Tyrone Power ("A Yank in the R.A.F.", 1941) - Jules Vernes Luftschiff Albatros aus
"Master of
the World" (Robur, der Herr der 7 Kontinente,
1960) - eine marsianische Kampfmaschine aus "The War of the Worlds" (Kampf der Welten, 1953)
- Lord Darth Wader aus der "Star Wars"-Saga - die für Zwecke der Computeranimation
geschaffenen Büsten der Enterprise-Besatzung aus "Star Trek IV" (1986)
- Miniaturen und Artwork
aus Roland Emmerichs "Moon 44" (1989) und "Independence Day" (1996).
Videoausschnitte schlagen die Brücke von der "Front am
Himmel" (1942-44) über Satellitenanimationen bis
zu "Tagesschau"-Bildern aus dem Kosovo.
George Lucas sieht die Zukunft des Kinos digital. Heute kommen die Animationen aus
dem Computer. Dennis Muren und Phil Tippett, zwei der von Ray Harryhausen inspirierten
Spezialisten, realisierten in Steven Spielbergs "Jurassic Park" (1993) mehrere Minuten mit
CGI-Sauriern: Ausgestellt ist die Armatur des von
ihnen als Grundlage der Animation benutzten Velociraptor-Modells. Computeranimation machte
die erstaunlichen, von dem Zeichenfilmer Tex Avery abgeschauten "Kautschuk"-Metamorphosen
von Jim Carrey in "The Mask" (Die Maske,
1994) möglich. Riesenkäfer, die die Menschheit
in "Starship Troopers" (1998) bedrohen, am
Beispiel eines CGI-Modells. Auch Menschen werden heute mit Hilfe spezieller Laser-Scanner
digitalisiert oder per Motion Capture, von den Passagieren der "Titanic" (1997) bis zur
Wireframe-Marlene Dietrich, zu neuem Leben erweckt.
Auf einer Bildwand, flankiert von einem lebensgroßen "RoboCop" und einem
"Westworld"-Roboter (1974), erlebt man die Vision vom
künstlichen Menschen. Der Trickfilm liefert, wie
Bazon Brock einmal bemerkte, neue Bilder vom
Schöpfungsakt. In der Science fiction ist sie
allgegenwärtig: die Kreuzung aus Mensch und
Computer.
Eine ausführliche Publikation unter dem Titel "Künstliche Welten"
- Filmmuseum Berlin - Deutsche Kinemathek /
Rolf Giesen-Sammlung, herausgegeben von Rolf
Giesen und Claudia Meglin, ist im Europa-Verlag, Hamburg erschienen zum Preis von 48,50 DM. Erstabdruck des Beitrags im MuseumsJournal, Juli 2000