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Max Kunze
Im Januar 2000 endete im Stendaler Winckelmann-Museum eine bemerkenswerte
Sonderausstellung mit Leihgaben aus vielen Museen
Europas, die die im gleichen Haus residierende Winckelmann-Gesellschaft konzipiert hatte:
"Die Wiederentdeckung griechischer Götter und
Helden - Homer in der Kunst der Goethe-Zeit".
Ausstellung und Katalog zeigten, wie aus den Epen Homers die antiken Götter und Helden
wiedererstanden und zum Gegenstand der Historienmalerei und Skulptur wurden. Zur Zeit des
Rokokos waren es die Helden der "Ilias", die
durch ihre vernunftgeprägten einfachen Sitten die
moralischen Vorbilder in der Fürstenerziehung
hergaben, während im Sturm und Drang
ebendiese Helden zu selbstbewussten Menschen
wurden, die voller Leidenschaft, Schaffenskraft und
unbändigem Lebenswillen im privaten wie
öffentlichen Leben agierten oder als Urbilder allgemeinmenschlicher psychologischer Grundstrukturen analysiert wurden. Und mit dem Ende
der Revolution tritt die "Odyssee", die häusliche
Tugenden wie Vorsicht, Besonnenheit und Gattentreue verkörpert, in den Vordergrund und
zeigt den Rückzug ins Private an.
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Winckelmann-Museum, Stendal
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Das Projekt widerspiegelt die
interdisziplinäre Arbeitsweise der
Winckelmann-Gesellschaft zwischen Literatur, Kunst und Archäologie
und ihren Bezugspunkt, die Antike. In ihrer
Satzung hat sie sich zum Ziel gesetzt, "die
internationalen Forschungen zum Leben, Werk und
Wirken Johann Joachim Winckelmanns zu
unterstützen" und "die mit seinem Wirken
zusammenhängenden Disziplinen der Klassischen
Archäologie, der Kunstwissenschaft und der
Germanistik" zusammenzuführen. Das unterschiedliche
Verhältnis der neuzeitlichen Epochen zur Antike
und die verschiedenen Formen der Rezeption der Antike stehen im Mittelpunkt des Interesses.
Johann Joachim Winckelmann, der 1717 in Stendal geboren wurde und seit 1755 in
Rom wirkte, hat nicht nur die archäologische
Forschung als Wissenschaft begründet, sondern
sein Antikebild hat darüber hinaus die Literatur
der deutschen Klassik und die europäische
Kunst nachhaltig beeinflusst. Bereits seit der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden an den
archäologischen Instituten der Universitäten Winckelmann-Feiern veranstaltet, die dem heros ktistes der Klassischen Archäologie gelten.
In Stendal wurde am 8. Dezember 1940 die Winckelmann-Gesellschaft gegründet. Sie
ist heute eine internationale Gesellschaft von
über 600 Mitgliedern aus mehr als 20 Ländern.
Die Winckelmann-Ehrungen hatten in Stendal schon eine lange, in die erste Hälfte des 19.
Jahrhunderts zurückreichende Tradition. Neben den
jährlichen öffentlichen Gedenkveranstaltungen,
die seit 1835 regelmäßig am Geburtstag des
Gelehrten in Stendal stattfanden und später durch Anregungen der 1841 begründeten Winckelmann-Ehrungen der Berliner Archäologischen
Gesellschaft bereichert wurden, bemühten sich vor
allem die Direktoren des Gymnasiums um die Stendaler Winckelmann-Pflege. Als 1859
das von Ludwig Wichmann geschaffene Winckelmann-Denkmal enthüllt wurde, brachte man
an dem damals bereits mehrfach umgebauten Geburtshaus Winckelmanns, wo 1955 das
Winckelmann-Museum eingerichtet wurde, eine
Gedenktafel für den Gelehrten an. Den Grundstock der heutigen Winckelmann-Sammlung verdankt die Gesellschaft dem
Stendaler Sammler Heinrich Segelken, der 1898
nach Stendal kam und in jahrzehntelanger
kontinuierlicher Vortragstätigkeit Winckelmanns Leben
und Werk der Stendaler Öffentlichkeit
nahebrachte. Erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde
die Sammlung 1938 im Stendaler Rathaus. Hauptinitiator dieser
Winckelmann-Gedächtnisausstellung war Rudolph Grosse, dem der
Ankauf der Segelkenschen Sammlung gelang. Dank des Engagements des damaligen Bürgermeisters der Stadt konnte die Winckelmann-Gesellschaft
als eine unabhängige Gesellschaft gegründet und
diese "vom Einfluss des Nationalsozialismus"
fern gehalten werden, wie Grosse 1947 schrieb. Die Sammlung Segelken wurde nach dem
Ankauf großzügig ausgebaut und der
Winckelmann-Gesellschaft zur Förderung von Ausstellungen
übereignet.
Zu den Mitbegründern der Gesellschaft
gehörten namhafte Archäologen wie Gerhart
Rodenwald und Karl Anton Neugebauer, Kunsthistoriker wie Wilhelm Waetzoldt und
Germanisten wie Walther Rehm. Bereits vier Jahre nach
ihrer Gründung zählte die Gesellschaft 1126
Mitglieder im In- und Ausland.
Nach Ende des Krieges und Wiederzulassung von Gesellschaften und Vereinen betrieb
Grosse, unterstützt vom Präsidenten des Deutschen
Archäologischen Instituts, Carl Weickert,
maßgeblich die Neugründung der
Winckelmann-Gesellschaft. In den folgenden Jahren hatte
die Winckelmann-Gesellschaft unter dem Vorsitz von Arthur Schulz (1949-1963) die
internationalen Kontakte vor allem nach Italien
und Frankreich rasch neu geknüpft und
ausgebaut. Seinem Nachfolger, Gerhard Richter
(1963-1968), gelang es schon 1955, im Geburtshaus Winckelmanns ein städtisches Museum zu
gründen. Unter der Präsidentschaft von Johannes Irmscher (1968-1990) begann die
Winckelmann-Gesellschaft ihre Veranstaltungstätigkeit
beträchtlich zu erweitern. So wurden außer der
Jahreshauptversammlung in Stendal, die um den Geburtstag des Gelehrten im Dezember
stattfindet, seit 1972 jährlich zwei
wissenschaftliche Kolloquien in jeweils wechselnden Orten
organisiert. Im Vordergrund standen dabei Themen, die sich mit Winckelmann, seinem Werk
und dessen wissenschaftlichem Umfeld sowie den mit dem Wirken Winckelmanns verbundenen
Wissenschaftsdisziplinen beschäftigten.
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Bartolomeo Folin
Johann Joachim Winckelmann
1776, Stich nach G. B. Casanova
Winckelmann-Museum, Stendal
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Parallel
dazu wuchs die Publikationstätigkeit der
Gesellschaft. Dank einer geschickten und weitsichtigen
Geschäftsführung konnte die
Winckelmann-Gesellschaft ihren internationalen und
unabhängigen Charakter bewahren und sich einer
Vereinnahmung durch den Staat entziehen. Die
Gesellschaft blieb ein privater Verein. Für viele
Wissenschaftler bot sie eine willkommene Plattform für
eine persönliche Begegnung mit westlichen
Freunden und Kollegen.
Seit 1990 und nach der Wahl eines erweiterten Vorstandes boten sich für die Arbeit
der Winckelmann-Gesellschaft neue
Möglichkeiten für wissenschaftliche Tagungen,
Ausstellungen und Forschungsprojekte. So hat sich die Gesellschaft seit ihrer Gründung um eine
internationale Winckelmann-Bibliographie bemüht;
mehrere Folgen wurden seit 1940 herausgegeben, und
im Dezember 1999 erschien sie vollständig verschlagwortet als CD-Rom. Bereits 1988
begann die Winckelmann-Gesellschaft gemeinsam mit der Freien Universität Berlin als erstes
deutsch-deutsches Wissenschaftsprojekt der
VW-Stiftung die historisch-kritische Edition des Winckelmannschen Hauptwerkes der
"Geschichte
der Kunst des Alterthums", die unmittelbar vor
dem Abschluss steht. Aus diesem erwuchs das Projekt der historisch-kritischen Gesamtausgabe,
das zunächst von der Landesregierung in
Sachsen-Anhalt unterstützt wurde und nun seit 1996
in ein Vorhaben der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz mit einer
Arbeitsstelle in Stendal übergegangen ist. Die Deutsche
Forschungsgemeinschaft half über drei Jahre,
eine "Bilddatenbank zur antiken Architektur
und Skulptur, die Winckelmann kannte"
aufzubauen, die Anfang 2000 erscheinen wird. Es ist
eine Bild- und Dokumentationsdatenbank zu allen
von Winckelmann erwähnten antiken
Denkmälern. Ein Folgeprojekt ist vorgesehen, das sich mit
den Dokumenten, Zeichnungen und Stichen zu antiken Denkmälern des 16. und 17.
Jahrhunderts befassen soll. Es wird die Lücke zum "Census"-Projekt schließen, das alle in der
Renaissance bekannten Antiken und deren bildliche
Wiedergabe erfasst.
Die Sammlung der Winckelmann-Gesellschaft umfasst vor allem Autographen,
Erstausgaben und frühe Drucke der Werke
Winckelmanns, Winckelmann-Bildnisse und Bildnisse
seiner Zeitgenossen, Italienansichten sowie eine
kleine Antikensammlung. Die Bibliothek mit der nahezu vollständigen Sekundärliteratur zu
Winckelmann ist ein wichtiges Instrument für die
Forschung. Von großem Wert für die Forschung
sind die Kopien des umfangreichen und zerstreuten handschriftlichen Nachlasses Winckelmanns,
die derzeit auch digital zugänglich gemacht
werden. Durch die Forschungsprojekte der
Gesellschaft konnte die Fotothek beträchtlich erweitert
werden. Schwerpunkt bilden hier vor allem die in den Stichwerken des 16. bis 18.
Jahrhunderts publizierten Antiken.
Zu den neuen Veranstaltungsformen gehört
ein "Stendaler Arbeitskreis zur Theorie und
Geschichte der Kunstgeschichtsschreibung in der Archäologie und Kunstwissenschaft". Die
Ergebnisse der Tätigkeit dieses 1997 gegründeten
Arbeitskreises werden publiziert.
Für weitere Veranstaltungen der
Gesellschaft ist der geographische Radius breiter
geworden. In den letzten Jahren organisierte die Winckelmann-Gesellschaft u.a. internationale
Kongresse in Triest in Zusammenarbeit mit der Università degli Studi di Trieste, der Società di
Minerva, den Musei Civici und der Biblioteca
Civica zum Thema "Altertumskunde im 18. Jahrhundert - Wechselwirkungen zwischen Italien
und Deutschland" (1993), in Paris in Kooperation
mit dem Musée du Louvre und dem Deutschen Historischen Institut zum Thema
"Die Freiheit
und die Künste - Modelle und Realitäten von
der Antike bis zum 18. Jahrhundert" (1996) und
in Athen im Zusammenwirken mit der
Universität Athen zum Thema "Das Stadtbild von Athen
von der Antike bis zur Gegenwart"(1997) und
im Jahre 1999 anlässlich einer
Cavaceppi-Ausstellung in Wörlitz ein internationales
Kolloquium zum Thema: "Wiedererstandene Antike - Restaurierung antiker Kunstwerke seit der Renaissance".
Diese Veranstaltungen finden ihren Niederschlag in den
Publikationsreihen der
Gesellschaft: Mitteilungen der Winckelmann-Gesellschaft, Beiträge und Schriften der
Winckelmann-Gesellschaft sowie den Heften der "Akzidenzen". Erwähnt sei schließlich auch der
"Wilhelm-Höpfner-Preis der
Winckelmann-Gesellschaft", der seit 1984 vergeben wird. Der Preis ist
als Reisestipendium für einen Aufenthalt in
einem der an Antiken reichen Mittelmeerländer bestimmt. Mit ihm werden junge Künstler
gefördert, die in ihren Werken Themen der
klassischen Antike aufgreifen oder sich von antiken
Kunstwerken inspirieren lassen. In der Nachfolge
des Magdeburger Malers und Graphikers Wilhelm Höpfner (1899-1968), dessen Nachlass
das Winckelmann-Museum verwaltet, bezieht sich der Preis ausschließlich auf zeichnerische
und druckgraphische Arbeiten.
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Laokoon-Gruppe
Rom, Vatikan
Gipsabguss im Winckelmann-Museum, Stendal
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PD Dr. Max Kunze ist
Präsident der Winckelmann-Gesellschaft e.V., Stendal |
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