AsKI e.V. - www.aski.org

Kulturberichte 1/00: Lehmbruck - Durch Form zum Geist / Eine Ausstellung im Gerhard Marcks-Haus, Bremen

Zurück Home Nach oben Weiter

invisit..

Invisible

Arie Hartog

Wilhelm Lehmbruck - Geneigter Frauenkopf 1911 - Foto: Jürgen Nogai, Bremen
Wilhelm Lehmbruck
Geneigter Frauenkopf 1911
Steinguss

Der Titel der Wilhelm Lehmbruck-Ausstellung im Gerhard Marcks-Haus "Durch Form zum Geist" verweist auf das Pathos, mit dem die Anhänger dieses Bildhauers sein Werk feierten. Der Kunstschriftsteller Paul Westheim schrieb 1919, dass dieses bildhauerische Œuvre "im Nerv nicht weltlich, sondern überweltlich, mehr geistig als sinnlich" sei. Lehmbrucks Kunst passte zu einer Zeit, die die Grenzen der althergebrachten künstlerischen Traditionen erforschte und von einer Suche nach dem "Geistigen in der Kunst" geprägt wurde. Heutigen Lesern mag die Formulierung von Westheim übertrieben erscheinen, aber es gehört tatsächlich zur Eigenart der Bildhauerei Lehmbrucks, dass es um mehr geht als die bloße Form. Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) schuf zwischen 1910 und 1919 etwa dreißig Werke, mit denen er der modernen deutschen Bildhauerei eine große Anzahl von Anregungen gab. In diesen Werken verarbeitete der Künstler sehr unterschiedliche Einflüsse zu einem kleinen, in seiner Qualität, aber auch in seiner Vielseitigkeit einzigartigen Werk.

Form

Zusammen mit Bernhard Hoetger gehörte Wilhelm Lehmbruck zu den deutschen Bildhauern, die am Anfang des Jahrhunderts nach Paris zogen, um hier die neuesten Entwicklungen in ihrer Gattung zu studieren. Auguste Rodin hatte um 1900 angefangen, seinem Publikum torsierte Figuren, ohne Arme oder Kopf als fertige Kunstwerke zu präsentieren, womit er die engen Grenzen der Bildhauerei sprengte und komplett neue Möglichkeiten schuf. Es ist bekannt, dass Lehm
bruck sich 1910 zu einer Audienz bei seinem Idol Auguste Rodin anmeldete, das kurze Gespräch soll aber eine große Enttäuschung für den jungen Bildhauer gewesen sein.

Neben Rodin spielte für Lehmbrucks Entwicklung der Münchner Bildhauer Adolf von Hildebrand eine wesentliche Rolle. In seinem 1893 erschienenen Buch "Das Problem der Form" stellte Hildebrand eine Kunsttheorie vor, die die deutsche Bildhauerei des Jahrhunderts wesentlich prägen sollte. Der Autor forderte, dass der Ausgangspunkt der bildenden Kunst die Wiedergabe des Bleibenden und Wesentlichen der Natur sei. Daneben betonte er den geordneten, architektonischen Aufbau eines Kunstwerks.

In den Werken, die zwischen 1910 und 1914 in Paris entstanden, verbindet Lehmbruck die von Rodin vorgeführte Freiheit, den menschlichen Körper zu verzerren, mit Hildebrandts Idee einer gefestigten Form zu einer für ihn typischen Arbeitsweise, eine Figur immer weiter "auf ihren Kern" zu reduzieren. Die Ausstellung in Bremen zeigt mehrere Torsierungen zusammen mit den jeweiligen Ausgangspunkten, wodurch diese Arbeitsweise bei der Suche nach einer "vollkommenen Form" verdeutlicht wird. Die Verzerrung der menschlichen Proportionen wird kombiniert mit einem strengen, architektonischen Aufbau. Diese Kombination macht Lehmbruck zum wichtigsten Vertreter des Expressionismus in der Bildhauerei.

Material

Lehmbruck war einer der ersten deutschen Bildhauer, der neben dem traditionellen Zweigespann Bronze und Marmor andere Materialien wie Terrakotta, Steinguss und Stuccoguss für seine Werke verwendete. Auf diese Weise gibt es nicht nur verschiedene Torsierungen der gleichen Figur, sondern auch Ausführungen der gleichen Form in unterschiedlichen Materialien. Der Künstler beschäftigte sich zeitlebens mit den Möglichkeiten der diversen Materialien, wobei wirtschaftliche und ästhetische Gründe eine Rolle spielten.

Wie unterschiedlich die gleiche Form in anderen Materialien wirken kann, verdeutlicht die Ausstellung am Beispiel des "Kleinen weiblichen Torsos", auch bekannt als "Hagener Torso": Die berühmte Figur ist in Bronze, Gips, Marmor und Steinguss zu sehen. Die Varianten der gleichen Form haben im Laufe der Jahre zu einer hitzigen kunsthistorischen Debatte über die Frage geführt, welche Form und welches Material denn eigentlich vom Künstler bevorzugt wurden. Die Ausstellung dokumentiert, dass diese Frage nicht eindeutig zu beantworten ist: Lehmbruck hat die Aussagekraft der unterschiedlichen Materialien untersucht und gleichberechtigt nebeneinander gestellt.

Die Ausstellung zeigt möglichst authentische Güsse, bei höchst empfindlichen Werken jedoch auch posthume Bronzegüsse. In diesem Zusammenhang sollte nicht vergessen werden, dass Lehmbrucks Ruhm, seine auffallende Präsenz in fast allen großen deutschen Museen, bestimmt wird von Ankäufen nach dem Tod des Künstlers, wobei keineswegs geklärt ist, welche dieser Werke als "Original" zu gelten haben. Während die Ausstellung dem Publikum die Möglichkeit bietet, die diversen Fassungen, Güsse und Torsierungen mit ihren je eigenen Qualitäten kennen zu lernen und miteinander zu vergleichen, gibt ein zu der Ausstellung erscheinendes und 276 Seiten umfassendes Katalogbuch einen kunsthistorischen Einblick in das Werk des wichtigsten deutschen Bildhauers des letzten Jahrhunderts.


Geist

"Wir Expressionisten", so erklärte Lehmbruck seinem Freund Fritz von Unruh, "- man verspottet uns mit diesem Namen auch -, was wir Expressionisten suchen, ist: präzis aus unserem Material den geistigen Gehalt herauszuziehen. Seinen äußersten Ausdruck." In dieser Auffassung zeigt sich, wie sehr Lehmbruck als Expressionist ein Erbe des europäischen Symbolismus war. Indem die Ausstellung nicht nur Lehmbrucks Hauptwerke, sondern auch einige frühere Werke vorstellt, verdeutlicht sie die Beziehungen zwischen dem Sentimentalen und dem Modernen in der deutschen Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.

Wilhelm Lehmbruck - Sitzender Jüngling, 1917 - Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg
Wilhelm Lehmbruck
Sitzender Jüngling, 1917
Bronze

Aus den Zeichnungen und Graphiken von Wilhelm Lehmbruck wird ersichtlich, wie er aus Erzählungen Formen herauslöst. In seinen Illustrationen zur Literatur und seinen Entwürfen für Kriegsdenkmäler versucht der Künstler die Erzählung/die Vorgaben in den Hintergrund zu drängen, um eine Form zu finden, die bei aller
Einfachheit das ganze Potential des Motivs beinhaltet. Als Beispiel dafür mag die berühmte Figur "Sitzender Jüngling" gelten. Ausgangspunkt war ursprünglich ein trauernder Soldat mit Schwert - nun erinnert formal nichts mehr an ihn, aber für die Generationen nach dem Ersten Weltkrieg veranschaulicht die Figur die Erschütterung dieser Zeit.

Nach seinem Freitod in Berlin 1919 wurde Lehmbrucks Kunst immer mehr zu einem Symbol für eine zerrissene Zeit. Dem Künstler, der versuchte, das Wesentliche herauszuarbeiten, war es gelungen, die Paradoxe seiner Zeit einzufangen. Wie wohl kein anderer Bildhauer hatte er versucht, gleichzeitig neue Möglichkeiten für die Form und die Darstellung des "Geistes" zu finden.

invisible.gif (85 Byte)
Die Ausstellung ist im Gerhard Marcks-Haus, Bremen, noch bis zum 30. April 2000 zu sehen, danach im Georg-Kolbe-Museum, Berlin (14. Mai bis 13. August 2000), im Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg (3. September 2000 bis 4. Februar 2001) und in der Städtischen Kunsthalle Mannheim (17. Februar bis 6. Mai 2001).
Arie Hartog ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Gerhard Marcks-Hauses, Bremen

 

Seitenanfang
Zurück zum Seitenanfang

  E-Mail: info@aski.org
Copyright © 1999/2001 AsKI e.V.