Der Titel der Wilhelm Lehmbruck-Ausstellung im Gerhard Marcks-Haus "Durch Form
zum Geist" verweist auf das Pathos, mit dem die
Anhänger dieses Bildhauers sein Werk feierten.
Der Kunstschriftsteller Paul Westheim schrieb
1919, dass dieses bildhauerische uvre "im Nerv
nicht weltlich, sondern überweltlich, mehr geistig
als sinnlich" sei. Lehmbrucks Kunst passte zu
einer Zeit, die die Grenzen der althergebrachten
künstlerischen Traditionen erforschte und von
einer Suche nach dem "Geistigen in der Kunst"
geprägt wurde. Heutigen Lesern mag die Formulierung von Westheim übertrieben
erscheinen, aber es gehört tatsächlich zur Eigenart der
Bildhauerei Lehmbrucks, dass es um mehr geht als die bloße Form. Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) schuf zwischen 1910 und 1919 etwa dreißig Werke,
mit denen er der modernen deutschen Bildhauerei eine große Anzahl von Anregungen gab. In
diesen Werken verarbeitete der Künstler sehr
unterschiedliche Einflüsse zu einem kleinen, in
seiner Qualität, aber auch in seiner
Vielseitigkeit einzigartigen Werk.
Form
Zusammen mit Bernhard Hoetger gehörte Wilhelm Lehmbruck zu den deutschen
Bildhauern, die am Anfang des Jahrhunderts nach Paris
zogen, um hier die neuesten Entwicklungen in ihrer Gattung zu studieren. Auguste Rodin
hatte um 1900 angefangen, seinem Publikum
torsierte Figuren, ohne Arme oder Kopf als fertige
Kunstwerke zu präsentieren, womit er die engen
Grenzen der Bildhauerei sprengte und komplett neue Möglichkeiten schuf. Es ist bekannt, dass
Lehm
bruck sich 1910 zu einer Audienz bei seinem Idol Auguste Rodin anmeldete, das kurze
Gespräch soll aber eine große Enttäuschung für den
jungen Bildhauer gewesen sein.
Neben Rodin spielte für Lehmbrucks Entwicklung der Münchner Bildhauer Adolf von
Hildebrand eine wesentliche Rolle. In seinem 1893 erschienenen Buch "Das Problem der
Form" stellte Hildebrand eine Kunsttheorie vor, die
die deutsche Bildhauerei des Jahrhunderts wesentlich prägen sollte. Der Autor forderte, dass
der Ausgangspunkt der bildenden Kunst die Wiedergabe des Bleibenden und Wesentlichen der
Natur sei. Daneben betonte er den geordneten, architektonischen Aufbau eines Kunstwerks.
In den Werken, die zwischen 1910 und 1914 in Paris entstanden, verbindet Lehmbruck die
von Rodin vorgeführte Freiheit, den
menschlichen Körper zu verzerren, mit Hildebrandts Idee
einer gefestigten Form zu einer für ihn
typischen Arbeitsweise, eine Figur immer weiter "auf
ihren Kern" zu reduzieren. Die Ausstellung in
Bremen zeigt mehrere Torsierungen zusammen mit den jeweiligen Ausgangspunkten, wodurch
diese Arbeitsweise bei der Suche nach einer "vollkommenen Form" verdeutlicht wird. Die
Verzerrung der menschlichen Proportionen wird kombiniert mit einem strengen,
architektonischen Aufbau. Diese Kombination macht
Lehmbruck zum wichtigsten Vertreter des
Expressionismus in der Bildhauerei.
Material
Lehmbruck war einer der ersten deutschen Bildhauer, der neben dem traditionellen
Zweigespann Bronze und Marmor andere Materialien wie Terrakotta, Steinguss und Stuccoguss
für seine Werke verwendete. Auf diese Weise
gibt es nicht nur verschiedene Torsierungen der
gleichen Figur, sondern auch Ausführungen der
gleichen Form in unterschiedlichen Materialien. Der Künstler beschäftigte sich zeitlebens mit
den Möglichkeiten der diversen Materialien,
wobei wirtschaftliche und ästhetische Gründe eine
Rolle spielten.
Wie unterschiedlich die gleiche Form in anderen Materialien wirken kann, verdeutlicht
die Ausstellung am Beispiel des "Kleinen
weiblichen Torsos", auch bekannt als "Hagener Torso":
Die berühmte Figur ist in Bronze, Gips, Marmor
und Steinguss zu sehen. Die Varianten der gleichen Form haben im Laufe der Jahre zu einer hitzigen
kunsthistorischen Debatte über die Frage
geführt, welche Form und welches Material denn
eigentlich vom Künstler bevorzugt wurden. Die
Ausstellung dokumentiert, dass diese Frage nicht
eindeutig zu beantworten ist: Lehmbruck hat die Aussagekraft der unterschiedlichen
Materialien untersucht und gleichberechtigt
nebeneinander gestellt.
Die Ausstellung zeigt möglichst
authentische Güsse, bei höchst empfindlichen Werken
jedoch auch posthume Bronzegüsse. In diesem
Zusammenhang sollte nicht vergessen werden, dass Lehmbrucks Ruhm, seine auffallende Präsenz
in fast allen großen deutschen Museen,
bestimmt wird von Ankäufen nach dem Tod des
Künstlers, wobei keineswegs geklärt ist, welche
dieser Werke als "Original" zu gelten haben.
Während die Ausstellung dem Publikum die
Möglichkeit bietet, die diversen Fassungen, Güsse
und Torsierungen mit ihren je eigenen
Qualitäten kennen zu lernen und miteinander zu
vergleichen, gibt ein zu der Ausstellung erscheinendes
und 276 Seiten umfassendes Katalogbuch einen kunsthistorischen Einblick in das Werk des
wichtigsten deutschen Bildhauers des letzten
Jahrhunderts.
Geist
"Wir Expressionisten", so erklärte
Lehmbruck seinem Freund Fritz von Unruh, "- man
verspottet uns mit diesem Namen auch -, was wir Expressionisten suchen, ist: präzis aus
unserem Material den geistigen Gehalt
herauszuziehen. Seinen äußersten Ausdruck." In dieser
Auffassung zeigt sich, wie sehr Lehmbruck als
Expressionist ein Erbe des europäischen
Symbolismus war. Indem die Ausstellung nicht nur Lehmbrucks Hauptwerke, sondern auch einige
frühere Werke vorstellt, verdeutlicht sie die
Beziehungen zwischen dem Sentimentalen und dem Modernen in der deutschen Kunst des frühen
zwanzigsten Jahrhunderts.
Aus den Zeichnungen und Graphiken von Wilhelm Lehmbruck wird ersichtlich, wie er
aus Erzählungen Formen herauslöst. In seinen Illustrationen zur Literatur und seinen Entwürfen
für Kriegsdenkmäler versucht der Künstler die
Erzählung/die Vorgaben in den Hintergrund zu drängen, um eine Form zu finden, die bei
aller
Einfachheit das ganze Potential des Motivs beinhaltet. Als Beispiel dafür mag die
berühmte Figur "Sitzender Jüngling" gelten.
Ausgangspunkt war ursprünglich ein trauernder Soldat
mit Schwert - nun erinnert formal nichts mehr an ihn, aber für die Generationen nach dem
Ersten Weltkrieg veranschaulicht die Figur die
Erschütterung dieser Zeit.
Nach seinem Freitod in Berlin 1919 wurde Lehmbrucks Kunst immer mehr zu einem
Symbol für eine zerrissene Zeit. Dem Künstler,
der versuchte, das Wesentliche herauszuarbeiten,
war es gelungen, die Paradoxe seiner Zeit einzufangen. Wie wohl kein anderer Bildhauer hatte
er versucht, gleichzeitig neue Möglichkeiten für
die Form und die Darstellung des "Geistes" zu
finden.