Franz Fechner
Am 8. November 1999 verlieh der AsKI in Berlin zum sechsten Mal seine
Maecenas-Ehrung. Ausgezeichnet wurden mit Clara Freifrau
von Arnim und Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg zwei Persönlichkeiten, die
- so
der Vorsitzende des AsKI, Barthold C. Witte in seinem Grußwort - beachtliche mäzenatische
Zeichen gesetzt und zum Zusammenwachsen von West und Ost beigetragen haben, indem sie
als echte Mäzene auf die private Nutzung ihres
Eigentums verzichteten und dieses der Allgemeinheit in Weimar (in der Stiftung Weimarer
Klassik) und in Leipzig (im Museum der bildenden Künste) zur Verfügung stellten. Auch
deshalb habe man für diese Ehrung bewusst den
Zeitpunkt rund um den 10. Jahrestag des Mauerfalls
gewählt und sei gerne der Einladung des (zu
der Zeit) jüngsten AsKI-Mitgliedes, der Stiftung
Archiv der Akademie der Künste, nach Berlin
gefolgt.
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Clara Freifrau von Arnim und Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg
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Liedkompositionen Bettine von Arnims - vorgetragen von Renate Brosch (Sopran) und
Karl-Friedrich Schäfer (Klavier) - bildeten das
feierliche Rahmenprogramm des Festaktes, zu dem der Präsident der Akademie der Künste,
György Konrád, zuvor die rund 300 Gäste "im
Zeichen des Maecenas, nicht des Midas"
willkommen geheißen hatte. Konrád betonte, bereits
Ovid habe einschlägig darüber unterrichtet, dass
der Wunsch, alles, was greifbar sei, auch zu
kapitalisieren, unangenehme Folgen haben
könne. Anstatt Besitz-Egoismus sei Großzügigkeit
anderen gegenüber angebracht, aber auch - wie Maecenas es gelebt habe - gegenüber sich selbst.
"Wer stiftet, will anstiften!"
- diesen
Gedanken wolle er bekräftigen und unterstreichen,
sagte Bundespräsident Johannes Rau zu Beginn
seines Grußworts. Er sei gekommen, um denen
zu danken, die für ihre Familie Verzicht auf
große Kulturgüter geübt hätten. Er wolle aber vor
allem deutlich machen, dass die Gesellschaft Menschen bräuchte, die danach fragten, was diese
von ihnen erwarten könne. Wer sich unsere
Geschichte ansehe - ob es die Geschichte einzelner
Städte, einzelner Regionen oder die Geschichte
unseres Landes sei -, der wisse, dass das
Mäzenatentum die Welt verändert habe.
In seiner Laudatio auf Clara Freifrau von Arnim gab der thüringische Ministerpräsident
Bernhard Vogel zu bedenken, dass neben der staatlichen Kulturförderung das private
Engagement gebraucht werde, weil die Kultur bei
den Menschen und somit bürgernah sein müsse.
Mäzenatentum könne die staatliche
Kulturförderung nie ersetzen, sei aber eine immer wichtiger
werdende Ergänzung: "Mäzenatentum darf dabei
keinen Vorwand für den Staat liefern, sich aus
der Kulturförderung mehr und mehr
zurückzuziehen."
Er hob hervor, dass er es als besonders
beglückend empfinde, dass die Maecenas-Ehrung
1999 an zwei Persönlichkeiten vergeben werde,
die durch die deutsche Teilung ihren Besitz und
ihre Kulturgüter verloren und dennoch den
Großmut hätten, auf eine Rückgabe im Rahmen des
Restitutionsanspruches zu verzichten. Durch diese Entscheidung der Familie von Arnim könne
ein literarischer Nachlass erschlossen werden, dem in Deutschland in der Vergangenheit nicht
die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wurde. So sei es
umso begrüßenswerter, dass in Weimar der Grundstein für eine
erste historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Achim von
Arnims gelegt werden konnte. Vielleicht werde
Gleiches auch mit den Schriften und Briefen von
Bettine von Arnim gelingen, von denen noch heute
viele unveröffentlicht seien.
Das beispielhafte Engagement für Erhalt
und Aufarbeitung des literarischen Nachlasses des Dichterpaares zeige sich nicht nur durch die
großzügige Geste gegenüber der Stiftung
Weimarer Klassik und damit gegenüber dem gesamten
Freistaat Thüringen und allen literarisch
Interessierten und Forschenden, sondern auch durch
die Gründung des "Freundeskreises Schloss
Wiepersdorf - Gedenkstätte Achim und Bettina
von Arnim". Mit Hilfe dieses Freundeskreises,
der Unterstützung des Freien Deutschen
Hochstifts und der Stiftung Kulturfonds sei in einem
Flügel des Schlosses ein Museum eingerichtet
worden, in dem das Leben und die schriftstellerische
Tätigkeit des Dichterpaares auf sehr
anschauliche und nachdrückliche Art dokumentiert werde.
Der Ministerpräsident schloss seine
Laudatio mit den an Clara von Arnim gerichteten
Worten: "Auf dem manchmal etwas holprigen Weg
zur inneren Einheit leisten Sie mit Ihrem Mäzenatentum einen bedeutsamen Beitrag zur
Überwindung von geistigen Gräben und
Missverständnissen. Ihr Engagement für die Erhaltung des
literarischen Nachlasses von Achim und Bettine von Arnim und
Ihr Verzicht auf eine Rückübereignung der Bibliothek und der Archivalien
sind gelebte Solidarität. Das ist ein Stück
gemeinsamer deutscher Kultur, ein Stück
gemeinsamer deutscher Geschichte."
Unter großem Beifall überreichte Barthold
C. Witte an Clara von Arnim die Verleihungsurkunde und als Ehrengabe eine CD mit Liedern
und Texten von Bettine von Arnim - eigens zu diesem Anlass produziert vom AsKI, der Stiftung
Deutsches Rundfunkarchiv und Salto Records International.
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Verleihung der Maecenas-Ehrung
v.r.n.l.: György Konrád, Präsident der Akademie der Künste
Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee
Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg
Bundespräsident Johannes Rau
Clara Freifrau von Arnim
Ministerpräsident Bernhard Vogel
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Sichtlich bewegt dankte Frau von Arnim, die im vergangenen Jahr ihren 90. Geburtstag
feierte, in freier Rede für die Ehrung: Diese
gebühre nicht eigentlich ihr, sondern der
verstorbenen ältesten Schwester ihres Mannes, der
Malerin Bettina Encke von Arnim. Sie habe 1945/46
das wertvolle Kulturgut, das Wiepersdorf barg,
nämlich die dort noch vorhandenen Schriften
des Dichterpaares Achim und Bettina und die große wertvolle Bibliothek vor
hereinströmenden Flüchtlingen gerettet. Bücher und Schriften
seien in vierzig Kisten zunächst in die
Staatsbibliothek Berlin und in den fünfziger Jahren nach Weimar gebracht worden. Schon lange arbeiteten
dort Wissenschaftler daran, die Schätze zu
registrieren, zu restaurieren und die dort endlich
entstehende historisch-kritische Gesamtausgabe des Dichters Ludwig Achim von Arnim zu
untermauern. Deshalb habe sie als Nachfahrin des
Dichterpaares die Verpflichtung, welche ein
solches Kulturerbe auferlege, ernst genommen und
im Interesse der Erhaltung und Erforschung ausdrücklich auf etwaige Ansprüche verzichtet.
Sie wolle die Gelegenheit ergreifen, den Mitarbeitern des Kulturfonds für selbstlose Arbeit
und Forschung zu danken, sowie den Erhaltern des Kleinen Museums "Gedenkstätte Achim
und Bettina von Arnim".
In seiner Laudatio beglückwünschte der
Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, Wolfgang Tiefensee, zunächst den AsKI zur Wahl
Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburgs: Im
zehnten Jahr nach der friedlichen Revolution von 1989
hätte man keinen besseren Preisträger finden
können.
Tiefensee erinnerte daran, dass der klassische Mäzen mehr und mehr durch den Stifter
abgelöst werde. Anders als das klassische
Mäzenatentum zielten Stiftungen auf ein weites
Aufgabenfeld und kämen einem breiteren Publikum
zugute, da sich die Stiftung dem Gemeinwohl verpflichtet fühle. Je eingeschränkter die
finanziellen Möglichkeiten und je größer die
Aufgaben seien, die sich der Politik stellten, desto
mehr würden diese an den Gemeinsinn der Bürger
verwiesen. Schwindender Gemeinsinn und die Strapazierung des Staates bis an seine
Leistungsgrenzen seien zwei Seiten einer Medaille. Sie
umschrieben die Tendenzen einer sich rasch
verändernden Gesellschaft, die aber auf das
Dreieck von Verantwortungen, Rechten und Pflichten angewiesen bleibe. Umso glücklicher könne
man sich schätzen, wenn Stifter und Stiftungen
auftreten, die diesen beiden Entwicklungen entgegenwirkten und wenn es Gemeinschaften und
Gemeinden gebe, in denen sich der Bürgersinn
erhalten habe.
Er betrachte die Bereitschaft von Sternburgs und seiner Familie, die Sammlung
Maximilian Speck von Sternburg in eine Stiftung
einzubringen und sie dem Museum der bildenden
Künste in Leipzig zu erhalten, nicht nur als
Einlösung eines Erbes, sondern auch als Selbstverpflichtung, dies im Geiste des Erbgebers zu
erfüllen. Dies sei keineswegs selbstverständlich.
Die Gründung der Maximilian Speck von
Sternburg-Stiftung basiere jedoch auch auf
Vorleistungen. Er wolle deshalb die Gelegenheit nutzen,
dem Bund, dem Freistaat Sachsen und der Kulturstiftung der Länder sehr herzlich zu danken.
Nur durch ihre großzügige Unterstützung hätte
die Stadt Leipzig eines der Meisterwerke der Sternburgschen Sammlung, Rogier van der
Weydens "Heimsuchung", erwerben können, wodurch
die Gründung der Stiftung erst ermöglicht
worden sei.
Diese Tatsache ändere aber nichts daran, dass die Bereitschaft Speck von Sternburgs und
seiner Familie, die Stiftung zu gründen, etwas
Besonderes, Vorbildliches und deshalb Ehrungswürdiges darstelle. Es sei keineswegs
übertrieben zu sagen, dass der Ruf des Leipziger
Museums der bildenden Künste als eine der
ältesten und bedeutendsten Bürgersammlungen
Deutschlands in besonderem Maße auch durch die Sternburgsche Sammlung mitgetragen werde.
Künstlernamen wie Rubens, Honthorst, Ostade,
Pieter de Hooch, Lucas Cranach d.Ä., Cima da Conegliano und Caspar David Friedrich sprächen
für sich.
Tiefensee betonte: "So nimmt es nicht Wunder,
dass nach der Wiedervereinigung Deutschlands und dem
In-Kraft-Treten des Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetzes im
September 1994 auch in Leipzig Angst laut wurde wie in nicht wenigen ostdeutschen Städten
und Museen. Sorge um die Bedeutung des eigenen Museums, denn das Gesetz entschied,
dass alle Kunstwerke und Antiquitäten, die 1945
zusammen mit dem Grundbesitz enteignet worden waren, generell an die Alteigentümer
rückzuübertragen waren. Auf diese Weise ging auch
die Sternburgsche Sammlung wieder in den Besitz der Familie Speck von Sternburg zurück,
der größte Teil an Wolf-Dietrich Freiherr Speck
von Sternburg. Dies war ein Glücksfall, wie sich
herausstellen sollte ..." Wer sich an die ersten
Jahre nach der Wiedervereinigung erinnere, der wisse, welche oft schmerzhaften Einschnitte der
Akt der Rückübertragung von Eigentum an
Bürger aus den alten Bundesländern bedeutet habe.
Viel von dem anfangs nahezu euphorischen Wiedervereinigungsgeist sei auf der Strecke
geblieben, was in vielen Fällen auch dem Gebaren der
Alteigentümer geschuldet gewesen sei. Er fuhr
fort: "Ganz anders das Auftreten von Herrn von
Sternburg. Hier kam niemand mit einem
ausschließlichen Rechtsanspruch, sondern auch mit
einem Bewusstsein von Verantwortung, mit einem Bewusstsein von Familiengeschichte." Ganz in
der Tradition seines Ahnen, Maximilian Speck von Sternburg, und damit generations- und
raumübergreifend auch in der Tradition Leipziger
Bürgersinns sei der in München lebende
Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg bereits
1990 nach Leipzig gekommen, um die wertvolle Sammlung in Leipzig der Öffentlichkeit zu
erhalten. Es sei diese keineswegs selbstverständliche
und noble Grundhaltung gewesen, die dazu beigetragen habe, die Gespräche und Verhandlungen
zu einem positiven Ergebnis zu führen. Hier
wollte jemand etwas bewahren, Familientradition
fortsetzen, sich nicht nur mit der Stadt und dem
Willen seines Ahnen verbunden zeigen, sondern auch wirklich verbinden: "Hier wollte
jemand Verantwortung übernehmen, also stiften ...".
Nach der Überreichung der Urkunde und
dem Empfang der Ehrengabe - ein Scheck zur
För
derung junger Kunsthistoriker - betonte Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg in
seinem Dankwort, dass, so sehr er sich persönlich
über die heutige Ehrung freue, er diese jedoch nur
in Vertretung und im Namen seiner Familie und vor allem auch im Gedenken an seine Leipziger
Vorväter annehme. Diese Vorfahren wolle er
allen ganz besonders mit Respekt und Hochachtung in Erinnerung rufen. Sein Ururgroßvater
Maximilian Speck sei als Leipziger Wollkaufmann, Landwirt, Schafzüchter und Kunstsammler
zu Lebzeiten des Öfteren ausgezeichnet und
geehrt worden. Zar Alexander I. von Russland und
König Ludwig I. von Bayern hätten dem
Leipziger mit der Verleihung von Adelsdiplomen
gedankt - für jemanden, der sich aus bescheidensten
Verhältnissen emporgearbeitet habe, seien das
hohe Ehrungen und Anerkennungen seiner Leistungen für die Allgemeinheit gewesen. Seine
Nachfahren hätten über vier Generationen bis 1945
das Ererbte, insbesondere die Kunstsammlung, erhalten und bewahrt. Ihnen und vor allem
der Fürsorge der Frauen in der Familie sei es zu
verdanken, dass bis zur Enteignung des Familienbesitzes 1945 Gemälde, Zeichnungen und
Kunstbibliothek fast ausnahmslos erhalten
blieben. Auch dürfe nicht vergessen werden, dass es
zu DDR-Zeiten verantwortungsbewusste Kunsthistoriker und Museumsleiter gegeben habe, die
mit größter Sorgfalt ihre schützende Hand über
die gerettete Kunstsammlung gehalten hätten.
Das gemeinsame Ziel, die Kunstsammlung im Sinne von Maximilian Speck zu erhalten, sei
erreicht worden und er freue sich darüber, dass
in zwei Jahren das neue Leipziger Museum fertig gestellt sei.