Gemeinsame Ausstellung des Goethe-Nationalmuseums Weimar und
der Casa di Goethe Rom im Kulturstadtjahr 1999
Philine Brandt
Die Idee, Johann Wolfgang von Goethe zu seinem 250. Geburtstag auch als Kunstsammler
mit einer Ausstellung zu ehren, reifte mitten im Prozess der EDV-gestützten
Gesamtkatalogisierung der Bestände des Goethe-Nationalmuseums
Weimar. Während der Entstehung eines Daten-
und Wissensspeichers, der in Zukunft eine neue Arbeitsbasis für die Kustoden sowie
interessierte Gäste des Hauses schaffen soll, wird erneut
das Ausmaß der vom Dichter gesammelten
Objekte und der mit ihnen verknüpften Geschichte geistiger Auseinandersetzung mit ihren Folgen bis in die Gegenwart deutlich.
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Taddeo Zuccari (1529-1561)
Allegorie der Ehre
(Vorzeichnung zum Fresko im Palazzo Farnese, Rom)
1555, Feder in Braun, braun laviert
Quadrierung und Vorzeichnung in schwarzer Kreide
Goethe-Nationalmuseum Weimar
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Innerhalb der 26000 Stücke zählenden
Kunstsammlung Goethes bilden die Handzeichnungen mit 2000 Blatt einen relativ gut
überschaubaren Teilbereich; als Unikate gehören sie
zugleich zum Wertvollsten und Bedeutendsten des
Bestandes. Der Katalog zur Ausstellung "Der
Sammler und die Seinigen. Handzeichnungen aus
Goethes Besitz", in dem 70 ausgewählte Meisterzeichnungen vorgestellt werden, setzt Maßstäbe
für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung
der Graphischen Sammlung des Goethe-Nationalmuseums. Neben den im Katalog erfolgten Neuzuschreibungen an bedeutende Künstler
wie Taddeo Zuccari und Polidoro da Carravaggio
ließ die Restaurierung von über 40 Blättern in
Vorbereitung der Ausstellung Goethes Handzeichnungssammlung in neuem Glanz erstrahlen.
Die Unterteilung der Ausstellung in fünf
Sequenzen, die von März bis November 1999 in den
Räumen der Dienerwohnung in Goethes Wohnhaus am Frauenplan gezeigt wurden, folgte
inhaltlich der vom Sammler angestrebten Ordnung "nach Schulen, Meistern und Jahren".
Der zeitliche Bogen spannte sich von der "Kunst der Reformationszeit" über
"Renaissance und Manierismus in Italien", "Das Goldene
Zeitalter in den Niederlanden" sowie "Europäisches 17. und 18. Jahrhundert" bis hin zur
Zeichenkunst in "Deutschland zwischen
Klassizismus und Romantik". Neben der
beeindruckenden Vielfalt individueller Handschriften eröffnete
die Ausstellung dem Betrachter Einblicke in den unterschiedlichen Gebrauch der Zeichnung von
der kühn hingetuschten Ideenskizze bis zur
akribisch ausgeführten Vorstudie. Goethe, der sich
bereits früh entschieden hatte, auf dem Gebiet der
Kunst weitgehend auf das Sammeln von Malerei zugunsten der Graphik zu verzichten, entwickelte
sich in seinem langen Leben zu einem
Graphikkenner, dessen geistreiche Äußerungen zur Materie -
beispielsweise in seiner Kunstnovelle "Der
Sammler und die Seinigen"(1799) - noch den
heutigen Betrachter anregen und herausfordern
können. Sowohl der Versuch, in Katalog und
Ausstellung die Zeichnungen mit entsprechenden
Kommentaren Goethes zu verbinden, als auch
Lesungen aus seinen kunsttheoretischen und
autobiographischen Schriften zu den Vernissagen erfuhren
eine positive Resonanz. Eindrucksvoll belegte die gezeigte Auswahl, dass Goethe als Sammler nach dem Prinzip kunsthistorischer
Vollständigkeit verfuhr, was ihm ermöglichte,
charakteristische Beispiele auch dann auszuwählen, wenn die
Stil
richtung nicht seinen eigenen Neigungen entsprach. So mögen einige Besucher mit
Verwunderung die Schätze der Zeichenkunst des
venezianischen Spätbarock oder des Nazareners
Franz Pforr in der Sammlung wahrgenommen haben, die das einseitige Bild vom dogmatischen
Klassizisten Goethe revidieren.
Im Jubiläumsjahr 1999 richtete sich
verstärkt das Interesse anderer Museen auf die Goetheschen Kunstbestände. Zeichnungen aus
Goethes Besitz wurden unter anderem in Bonn, Oldenburg, Amsterdam und Wien gezeigt. Der
Titel der Schau italienischer Handzeichnungen des
15. bis 18. Jahrhunderts aus dem Besitz der Kunstsammlungen zu Weimar "Geheimster
Wohnsitz" spielte auf Goethes bedeutende Rolle als
Kunstagent und programmatischer Mitgestalter der Sammlung seines Herzogs Carl August an
und verwies auf die ergänzende Betrachtung
privater und öffentlicher Sammeltätigkeit des
Dichters.
Als ein besonders geglücktes Projekt kann
die Reise der Handzeichnungsausstellung "Der Sammler und die Seinigen" aus der
Kulturhauptstadt Europas in das von Goethe als "Hauptstadt der Welt" bezeichnete Rom gelten. Das
gemeinsame Vorhaben war von den Direktoren Ursula Bongaerts und Professor Gerhard Schuster
langfristig vorbereitet worden. Die Idee, die
Zeichnungen gerade an jenem Ort zu zeigen, an welchen Goethe eine seit der Kindheit genährte
Sehnsucht geführt hatte - Rom, wo er die
entscheidenden Impulse für seine Kunstanschauung
und nicht zuletzt für seine Sammelleidenschaft
empfing -, entwickelte ihre eigene
Überzeugungskraft. Hinzu kam der direkte Italienbezug
vieler Zeichnungen, seien es Vorstudien zu Werken,
die sich noch heute in Rom befinden oder italienische Landschaftsmotive in den Werken der
so genannten Italianisanten und nicht zuletzt
Blätter von Goethes Künstlerfreunden in Rom.
Die schöpferische Aura der ehemaligen Atelierwohnung am Corso, in der Goethe 1786 als
"Signore Filippo Miller Pittore Tedesco"
abgestiegen war, verband sich mit moderner Ausstellungstechnik, die eine Präsentation der
empfindlichen Originale überhaupt erst ermöglichte.
In Rom erhielt die Ausstellung ein internationales Gesicht: In guter Zusammenarbeit beider
Institutionen erschienen eine italienische
Kurzfassung des Kataloges und der Faltblatttexte zu den
einzelnen Sequenzen, die sich auch in der Casa di Goethe anhand der Raumaufteilung
widerspiegelten. Die Präsentation von 120
Zeichnungen leitete in zwei Ausstellungsteilen vom
Weimarer zum römischen Jubeljahr, von einem zum
nächsten Jahrtausend über. Die Herzogin Anna
Amalia Bibliothek ergänzte das
Ausstellungsbild durch eine Leihgabe von acht Büchern aus
Goethes Bibliothek. Kunsttheoretische Schriften, Künstlerlexika, Auktionskataloge und
Kunstführer bezeugten Goethes intensive
Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst.
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Johann Heinrich Füssli (1741-1825) - Drei Kopfstudien im Profil
Feder mit grauer Tusche, grau laviert
Goethe-Nationalmuseum Weimar
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Gute Besucherzahlen, ein großes Interesse
an italienischen Führungen und ein positives
Presseecho zeigten eine erfreuliche Resonanz der
Weimarer Ausstellung in Rom. Gelungene Höhepunkte waren die Vernissagen beider
Ausstellungsteile am 5. November und am 21. Dezember 1999. In der ersten Veranstaltung
erinnerte Professor Günther Pflug als langjähriges
Vorstandsmitglied des AsKI an die wechselvolle Vorgeschichte des römischen
Goethemuseums und konstatierte erfreut die Entwicklung der
Casa di Goethe zur lebendigen Begegnungsstätte
deutscher und italienischer Kultur. Der Präsident
der Stiftung Weimarer Klassik, Dr. Jürgen
Seifert, würdigte die Zusammenarbeit beider
Institutionen mit Hinweis auf bereits zurückliegende
positive Erfahrungen und gab dem Wunsch nach weiterführenden Aktivitäten Ausdruck. In
der zweiten Ausstellungseröffnung erwies sich
die Lesung des bekannten Rezitators Roberto Herlitzka aus Goethetexten zum Thema
"Die
Schönheit in der Kunst" als Besuchermagnet trotz
der vom Corso heraufdringenden römischen Weihnachtshektik.
Den kritischen Hinweis auf den "Purismus" der Ausstellung im römischen
Besucherbuch nahm ich mit einem Schmunzeln zur
Kenntnis. Während meiner Führungen erlebte ich, dass
das Konzept, den Sammler und Meisterwerke, die auch für sich allein sprechen,
gleichberechtigt nebeneinander zu stellen und nicht
Kunstobjekte als umfassende Illustration zur Sammlerpersönlichkeit zu präsentieren, erfolgreich war.
Es entsprach dem regen Interesse vieler Besucher für beide Bereiche: Bildende Kunst und
Goetheforschung. Natürlich bietet die Sammlung
auch genügend Stoff für andere, innovative Ausstellungsideen. Der Versuchung beispielsweise,
in dieser Ausstellung auch Kuriositäten zu
zeigen, haben wir nicht allein aus Abneigung gegen
einen möglichen Verriss im Jahr allgemeiner
Goethe-Vermarktung widerstanden, diese Blätter
hätten auch ganz offensichtlich den für diesmal
gesetzten Rahmen gesprengt. Dass Goethe selbst kein Purist war und sich notfalls auch mit
zweitrangigen Kopien begnügte, wenn sie es ihm
nur ermöglichten, sich an der Idee des Meisters "heraufzubilden", wurde zumindest in den
Kommentaren zur Ausstellung nicht vergessen.