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Hermann Eiselen / Monika Machnicki
Getreide und Brot haben das Leben der Menschen in umfassender Weise geprägt, ihre
Arbeit, ihr Wohlbefinden, aber auch ihr Leid.
Ackerbau treibenden Völkern gilt Brot als heilig.
Grabbeigaben aus den Hochkulturen Ägyptens
und Chinas - wie in der Sammlung des
Deutschen Brotmuseums vorhanden - verdeutlichen die
Verehrung, die Getreide und Brot entgegengebracht wurden.
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links: Dienerfigur eines Brotträgers
Ägypten, um 1900 v.Chr., Holz, farbig gefasst
rechts: Dienerfigur eines Bäckers (sitzend)
Ägypten, um 2150 v.Chr., Holz, farbig gefasst
Sammlung Deutsches Brotmuseum
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In den Riten der jüdischen wie der
christlichen Religionen, in Bräuchen, Sagen und
Legenden spielt es eine bedeutende Rolle. In dem
Bewusstsein, dass die Geschichte des Brotes ein "elementarer Teil der Menschheitsgeschichte"
ist, gründete der Ulmer Unternehmer Dr. h.c.
Willy Eiselen im Jahre 1955 das Deutsche
Brotmuseum als erstes seiner Art in der Welt. Träger des
Museums war zunächst ein im gleichen Jahr ins
Leben gerufener Verein "Deutsches Brotmuseum e.V.", der im Juli 1957 als gemeinnützig und
wissenschaftlich anerkannt wurde. Dr. h.c. Willy Eiselen und sein Sohn betrieben bis 1980
eine Firma der Zulieferindustrie des Backgewerbes, woraus sich ihr Interesse am Thema Brot erklärt.
Die Bedeutung des Brotes als Grundnahrungsmittel sichtbar machen
In den frühen 50er-Jahren begannen Vater
und Sohn Eiselen "schöne alte Sachen zu
sammeln". Der Schwerpunkt der Sammeltätigkeit
umfasste zunächst Handwerksgeräte von Bäckern
und Müllern, Zunftaltertümer, Kunstwerke, die
den Zusammenhang von Brot, Religion und Brauchtum verdeutlichen, Gemälde, Graphiken
und Objekte zu den Themen Saat, Ernte, Mahlen, Backen, Brotverkauf und Brotverzehr,
Dokumente von Hungersnöten sowie Literatur
dazu. Die Tradition des Bäckerhandwerks sollte
lebendig gehalten werden. 1960 erweiterten die Eiselens die Aufgaben des Museums. Fortan wollten sie auch über die Problematik des Hungers
und der Welternährungslage aufklären und
zum Nachdenken über Ernährungsprobleme der
Gegenwart und der Zukunft anregen.
Der Beginn der Ausstellungstätigkeit
1959 wurde die Sammlung in einem Stockwerk des Ulmer Museums
erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die
positive Resonanz gab der Familie Eiselen den Mut, eine ständige Ausstellung
einzurichten. Am Tage des Erntedankfestes 1960 wurden eigene Räume
eingeweiht. "Brot ist Leben" war das Motto der
Dauerausstellung.
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Deutsches Brotmuseum Ulm im
historischen Salzstadel
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1973 erfolgte die Neuaufstellung der Sammlung unter
didaktischen Gesichtspunkten. Kontinuierliche Sammlungstätigkeit sowie steigende
Besucherzahlen machten es gut ein Jahrzehnt später notwendig, über einen
neuen verkehrsgünstigeren Standort des
Museums nachzudenken. Der historische Ulmer
Salzstadel (erbaut 1592), ein früheres reichsstädtisches
Lagerhaus am Rande der Ulmer Altstadt, bot sich an. Im Frühjahr 1991 wurde das Deutsche
Brotmuseum dort neu eröffnet. 1991 übernahm die bereits seit 1978
bestehende Vater und Sohn Eiselen-Stiftung die
Trägerschaft des Museums, während der Verein "Deutsches Brotmuseum e.V." aufgelöst wurde.
Neben dem Unterhalt des Deutschen Brotmuseums als dem Hauptzweck der Stiftung widmet sie
sich der Forschungsförderung. Rund ein Drittel
der Erträge fließt in wissenschaftliche Projekte,
die auf die Bekämpfung des Hungers in der
Welt gerichtet sind.
Das Deutsche Brotmuseum zeigt alles, nur eins nicht - Brot
Heute umfasst die Sammlung des Deutschen Brotmuseums 14000 Stücke aus den
verschiedensten Kulturen und vielen Teilen der
Welt. 1300 Exponate sind dauerhaft auf 1150
Quadratmetern in drei Stockwerken des Salzstadels
ausgestellt. Sie veranschaulichen das Grundnahrungsmittel "Brot" in seinen historischen,
kunst- und kulturgeschichtlichen, handwerklichen
und sozialpolitischen Bezügen. Dokumentiert
werden die Naturgeschichte des Getreides, die
Technikgeschichte des Mahlens und Backens sowie die Entwicklung der Brotkultur. Funktionsmodelle,
Filme und ein Brot-Informations-System als Multimedia-Anwendung runden das Angebot
des Deutschen Brotmuseums ab.
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Kleiekotzer
(Verzierung des Kleieauswurfs einer Mühle)
Süddeutschland, um 1730, Holz, bemalt
Sammlung Deutsches Brotmuseum |
Zusätzlich stehen im 4. Stockwerk 250 Quadratmeter für Sonderausstellungen zur
Verfügung, von denen jedes Jahr drei bis fünf
durchgeführt werden. Die wechselnden
Ausstellungen unterstreichen die Vielfalt, die im Thema
steckt: Zeitgenössische Künstler setzen sich in
verschiedenen Medien von der Fotografie bis zur Plastik, vom Gemälde bis zur Raum-Installation
mit dem Thema Brot auseinander. Volkskundliche Ausstellungen beleuchten Aspekte wie die
Brezel als Sonderform der Gebildbrote oder den Zusammenhang von Backen und Brauen. Auch
völkerkundliche Themen gehören zum
Programm, wie zum Beispiel "Reis - das Brot Asiens"
oder "Mais - das Brot der Mayas".
Ernährungswissenschaftliche Ausstellungen dienen der
Verbraucherorientierung. Naturkundliche
Ausstellungen geben Einblick in die Züchtungsgeschichte
des Getreides oder die Zusammenhänge zwischen Wasser, Erde und Klima als Faktoren der
Nahrungsproduktion auf der Welt.
Eine größere Anzahl qualitätvoller
Exponate verdankt das Deutsche Brotmuseum den
Mitgliedern eines Fördervereins, der die Arbeit des
Museums seit 1991 auf vielfältige Art unterstützt. Das Museum gehört nach den Erkenntnissen des Instituts für Museumskunde Berlin zu
den 17% aller kulturgeschichtlichen Spezialmuseen, die mehr als 25 000 Besuche/Jahr zu
verzeichnen haben.
Besucherbetreuung wird im Deutschen Brotmuseum groß
geschrieben. Jährlich finden fast 500 Gruppenführungen statt.
Fremdsprachige Führungen in Englisch, Französisch und
Italienisch können gebucht werden. Für Kinder
und Schüler bietet die "Aktion Scout"
handlungsorientierte, auf Vorwissen und Alter
abgestimmte Themenführungen. Backaktionen für
Erwachsene und Kinder werden regelmäßig zu
Ostern und Weihnachten angeboten. Die
traditionelle Erntedankveranstaltung am ersten Oktobersonntag eines jeden Jahres wird genutzt, auf die
kritische Welternährungslage hinzuweisen und
Geld für Hilfsprojekte zu sammeln. Zu den
verschiedenen Sonderausstellungen werden
Spezialführungen, Vortragsreihen und
ausstellungsbezogene Aktionen angeboten.
Zur Beantwortung von Anfragen stehen eine Spezialbibliothek mit etwa 5000 Bänden
und umfangreiches Archivmaterial zur
Verfügung. Beides kann unentgeltlich von Besuchern
benutzt werden.
Das Deutsche Brotmuseum tritt seit 1958 regelmäßig mit wissenschaftlichen
Publikationen an die Öffentlichkeit: Es erschienen
Museumskataloge, Begleitbücher zu Ausstellungen,
aber auch Standardwerke wie die beinahe 6500 Nennungen enthaltende Bibliographie
"Die Brotnahrung" oder die 1995 von Dr. Hermann
Eiselen herausgegebene Aufsatzsammlung "Brotkultur". Rund 360 mal beteiligte sich das Deutsche Brotmuseum seit 1957 mit Leihgaben an
auswärtigen Ausstellungen. Aber auch komplette,
aus den Beständen des Museums zusammengestellte Ausstellungen gehen "auf die Reise".
Zuletzt war dies die Ausstellung "Schlagwort Brot",
eine Auswahl von 66 Plakaten aus einem Bestand von weit über 300. Sie belegen die Verbindung
von Brot und Politik und bringen sie auf eine
griffige und prägnante Formel: Brot als Symbol
für das materielle Wohlergehen der Menschen.
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Frans Francken II
Das Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus
um 1605, Öl auf Leinwand
Sammlung Deutsches Brotmuseum
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Entwicklungen und Perspektiven
Nach dem Tod von Dr. h.c. W. Eiselen übernahm im Jahre 1981 sein Sohn Dr. Hermann
Eiselen hauptamtlich die Leitung des Deutschen
Brotmuseums. Seit dieser Zeit hat sich die Kunstsammlung zu einem Schwerpunkt entwickelt.
So entstand unter dem Motto "Künstler klagen
an" eine Sammlung sozialkritischer Werke
herausragender Künstler wie Ernst Barlach, Max Beckmann, George Grosz, Käthe Kollwitz und
Pablo Picasso. Daneben spannt sich ein Bogen themenbezogener Malerei und Plastik vom Mittelalter über Werke von Albrecht Dürer, Georg
Flegel, Marten de Vos, Rembrandt, Frans Francken
bis hin zu Marc Chagall und Man Ray. In der "Galerie der Landwirtschaft" veranschaulichen
Gemälde von Pieter Brueghel d.J. bis zu Lovis
Corinth die einzelnen Arbeitsschritte auf dem Felde
von der Saat bis zur Ernte. Die im Jahr 2000 beginnenden Umgestaltungsmaßnahmen des
Deutschen Brotmuseums in Ulm werden der gestiegenen Bedeutung der Kunstsammlung
Rechnung tragen.
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Dr. Hermann Eiselen ist
Vorsitzender des Vorstands der Eiselen-Stiftung, Ulm
Monika Machnicki, M.A. ist Leiterin des Deutschen Brotmuseums, Ulm |
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