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Kulturberichte 1/00: Die Frankfurter Brentano-Ausgabe des Freien Deutschen Hochstifts / Ein Jahrhundertwerk - gut zur Hälfte geschafft

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Hartwig Schulz

"Alles fast, was von Clemens da war, ist uns in die Hände gekommen", schrieb Ernst Beutler, der Direktor des Freien Deutschen Hochstifts, nach einer Berliner Auktion am 15. April 1929 dem Neffen des Dichters Clemens Brentano, Geheimrat Lujo Brentano. "So ist durch diese Käufe das Frankfurter Goethe-Museum [...] zum Zentralarchiv der Brentano-Romantikforschung geworden". Gleich drei Gesamtausgaben wollte sein Nachfolger Detlev Lüders veranstalten, da große Teile der Nachlässe von Clemens Brentano, Achim von Arnim und Bettine Brentano-Arnim seit den bedeutenden Erwerbungen der Henrici-Auktion von 1929 und weiteren Zukäufen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Frankfurter Archivbestand gehörten. Es war die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die diese weitgesteckten Pläne reduzierte. Nur die historisch-kritische Edition des bedeutendsten Dichters aus dieser Dreiheit wurde in Angriff genommen. Nachdem die Kopien aller bekannten Brentano-Handschriften beisammen waren, erschienen 1975 die ersten Bände der Frankfurter Brentano-Ausgabe. Mit dem Jahr 2000 ist ein Jubiläum erreicht: Nach 25 Jahren liegen 25 Bände vor, einzelne davon bis zu 1000 Seiten stark.

Vergleicht man dieses Ergebnis mit den Laufzeiten anderer historisch-kritischer Ausgaben - z. B. mit der 1908 begonnenen und bis heute nicht abgeschlossenen Eichendorff-Edition - so ist das Zwischenergebnis erfreulich. Mehr als die Hälfte des "Jahrhundertwerks" ist bereits nach einem Vierteljahrhundert geschafft. Als Hauptherausgeber der Ausgabe waren zunächst Jürgen Behrens, Wolfgang Frühwald und Detlev Lüders für das Projekt verantwortlich. Inzwischen ist der Kreis erweitert und Jürgen Behrens, Konrad Feilchenfeldt, Wolfgang Frühwald, Ulrike Landfester, Christoph Perels und Hartwig Schultz geben die Bände heraus, die in der Regel von auswärtigen Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle im Hochstift erarbeitet werden. Bisher erschienen folgende Bände:

(Abkürzungen: Hg. = Herausgeber/in; LA u. Erl. = Lesarten und Erläuterungen)

Band 3,1:
Gedichte 1816/1817, Text, LA u. Erl.
(Hg. Michael Grus u. Kristina Hasenpflug) 1999

Band 6:
"Des Knaben Wunderhorn", Teil I, Text
(Hg. Heinz Rölleke) 1975

Band 7:
"Des Knaben Wunderhorn", Teil II, Text
(Hg. Heinz Rölleke) 1976

Band 8:
"Des Knaben Wunderhorn", Teil III, Text
(Hg. Heinz Rölleke) 1977

Band 9,1:
"Des Knaben Wunderhorn", Teil I, LA u. Erl.
(Hg. Heinz Rölleke) 1975

Band 9,2:
"Des Knaben Wunderhorn", Teil II, LA u. Erl. (Hg. Heinz Rölleke) 1977

Band 9,3:
"Des Knaben Wunderhorn", Teil III, LA u. Erl. (Hg. Heinz Rölleke) 1978

Band 10:
"Romanzen vom Rosenkranz" (unter Mitwirkung v. Michael Grus u. Hartwig Schultz hg. v.
Clemens Rauschenberg), Text und LA, 1994

Band 12:
Dramen I, Text (Hg. Hartwig Schultz) 1982

Band 14:
Dramen III, "Die Gründung Prags", Text
(Hg. Gerhard Mayer u. Walter Schmitz) 1980

Band 16:
Prosa I, "Godwi", Text, LA u. Erl. (Hg. Werner Bellmann) 1978

Band 17:
Prosa II, Die Mährchen vom Rhein, Text, LA u. Erl. (Hg. Brigitte Schillbach) 1983

Band 19:
Prosa IV, Erzählungen, Text, LA u. Erl.
(Hg. Gerhard Kluge) 1987

Band 22,1:
Religiöse Werke I,1, Die Barmherzigen Schwestern; Kleine religiöse Prosa, Text
(Hg. Renate Moering) 1985

Band 22,2:
Religiöse Werke I,2, Die Barmherzigen Schwestern; Kleine religiöse Prosa, LA u. Erl.
(Hg. Renate Moering) 1990

Band 24,1:
Religiöse Werke III, Lehrjahre Jesu, Teil I
(Hg. Jürg Mathes) 1983

Band 24,2:
Religiöse Werke III, Lehrjahre Jesu, Teil II
(Hg. Jürg Mathes) 1985

Band 26:
Religiöse Werke V, "Bitteres Leiden"
(Hg. Bernhard Gajek) 1980

Band 27,2:
"Bitteres Leiden", LA u. Erl. (Hg. Bernhard Gajek u. Irmengard Schmidbauer) 1995

Band 28,1:
Materialien zu nicht ausgeführten religiösen Werken (Anna Katharina Emmerick-Biographie) (Hg. Jürg Mathes) 1981

Band 28,2:
Materialien zu nicht ausgeführten religiösen Werken (Anna Katharina Emmerick-Biographie), LA u. Erl. (Hg. Jürg Mathes) 1982

Band 29:
Briefe I (1792 - 1802) (Nach Vorarbeiten von Jürgen Behrens u. Walter Schmitz hg. v. Lieselotte Kinskofer) 1988

Band 30:
Briefe II ("Frühlingskranz") (Hg. Lieselotte Kinskofer) 1990

Band 31:
Briefe III (1803 - 1807) (Hg. Lieselotte Kinskofer) 1991

Band 32:
Briefe IV (1808 - 1812) (Hg. Sabine Oehring) 1996

Die Auflistung zeigt, dass alle Bereiche von Brentanos Werk inzwischen durch Text- und Erläuterungsbände zu großen Teilen erschlossen sind. Die Wunderhorn-Abteilung konnte frühzeitig abgeschlossen werden, in der Prosa-Abteilung stehen nur die journalistischen Arbeiten und Satiren sowie die "italienischen Märchen" noch aus, bei den Dramen fehlen noch ein Textband und die Lesarten und Erläuterungen. Werden die weitgehend fertig gestellten Lyrik- und Briefbände von 2000 und 2001 hinzugenommen, so zeigt sich, dass auch diese Abteilungen große Fortschritte machen. Bei den religiösen Schriften sind lediglich die "Lehrjahren Jesu" abzuschließen und das "Marienleben" zu edieren und zu kommentieren.

Trotz dieser positiven Zwischenbilanz gibt es kaum Grund zum Feiern, da die Probleme derartiger Großprojekte in der Schlussphase nicht geringer werden. Die Absatzzahlen blieben unter 1000 Exemplaren und entsprechen nicht dem anfangs erhofften Umsatz: Rasant gestiegene Buchpreise, stark reduzierte Ankaufsetats der Bibliotheken und der weitgehende Verlust des amerikanischen Marktes haben dazu geführt, dass historisch-kritische Ausgaben heute für die Verlage keine Gewinnchancen mehr bieten. Bei der Brentano-Ausgabe beschränkte der Kohlhammer-Verlag den Bandumfang auf höchstens 500 Seiten - mit dem Ergebnis, dass viele Bände geteilt werden mussten.

Ohne die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das langfristige Engagement des Freien Deutschen Hochstifts, eines der etablierten AsKI-Institute, wäre das Projekt kaum zu Ende zu führen. Dabei erweist sich die jeweils auf zwei (für den einzelnen Mitarbeiter bei Verlängerungen auf höchstens fünf) Jahre beschränkte Förderung durch die Forschungsgemeinschaft als Manko: Gerade die erfahrenen, gut eingearbeiteten wissenschaftlichen Mitarbeiter müssen aus arbeitsrechtlichen Gründen immer wieder ersetzt werden. Außerdem fehlt die "Begleitung" des Projekts durch die Germanistische Kommission der DFG. Zum Nachteil aller langfristigen germanistischen Editionsvorhaben wurde sie aufgelöst.

Schwieriger wurde es auch, geeignete Bandbearbeiter zu gewinnen, da keine nennenswerten Honorare mehr gezahlt werden, obwohl die Bearbeitung eines Erläuterungs-Bandes auch bei hoher wissenschaftlicher Qualifikation des Bandherausgebers mindestens drei Jahre geduldige und genaue Arbeit erfordert. Deshalb basieren sechs der 25 Bände auf Dissertationen, acht auf Habilitationsschriften und sieben stammen von Mitarbeitern (oder ehemaligen Mitarbeitern) der Brentano-Redaktion.

Zu den Wissenschaftlern zählen auch die meisten Leser der Ausgabe. Zahlreiche abgeleitete Ausgaben und Dissertationen entstanden in enger Zusammenarbeit mit der Frankfurter Arbeitsstelle oder basieren auf den neu erschlossenen Texten. Auf diese Weise erfüllt sich dann langfristig eine mit der Edition verbundene Hoffnung: Es entsteht ein neues differenzierteres Bild des Dichters Clemens Brentano, die Ausgabe wurde zum Pilotprojekt der Romantikforschung.

Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia, 1838 - Titelstich nach einem Entwurf Brentanos - Freies Deutsches Hochstift, Frankfurt am Main

Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia, 1838
Titelstich nach einem Entwurf Brentanos. 1999 konnte das Hochstift ein Exemplar mit einer handschriftlichen Widmung Marianne von Willemers erwerben. Brentano spricht sie in der "Herzlichen Zueignung" des Märchenbandes als "Liebstes Großmütterchen" an.

invisible.gif (85 Byte) Prof. Dr. Hartwig Schultz ist Leiter der Brentano-Arbeitsstelle im Freien Deutschen Hochstift, apl. Professor und Romantik-Forscher mit Schwerpunkt Achim und Bettine von Arnim, Brentano und Joseph von Eichendorff an der Mainzer Universität
 

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