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Christine Hopfengart
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Almanach Der Blaue Reiter
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Die Kunsthalle Bremen zeigt vom 25. März
bis zum 12. Juni 2000 eine umfangreiche
Ausstellung des "Blauen Reiter". Das Thema ist nicht neu
und gerade in den letzten beiden Jahren haben zwei
große Ausstellungen in Berlin/Tübingen und München
diese Gründungsbewegung der Moderne wieder
aufgegriffen. Und dennoch ist der "Blaue Reiter" mit
seiner Fülle an künstlerischen und kunstpolitischen Bezügen noch nicht
ausgeschöpft. Immer wieder lassen sich aus den
Bildern, aus der Ausstellungspolitik und
Öffentlichkeitsarbeit seiner beiden Protagonisten
Wassily Kandinsky und Franz Marc, und aus dem von ihnen herausgegebenen "Almanach Der
Blaue Reiter" andere und neue Aspekte für
Ausstellungen und Publikationen gewinnen.
Der "Blaue Reiter" in Bremen soll nicht
nur ein Ausstellungsereignis für ein hoffentlich
zahlreiches Publikum sein, sondern auch die Aufarbeitung eines brisanten Abschnitts der
Bremer Kunstgeschichte am Anfang des 20.
Jahrhunderts veranschaulichen. Zwei Dinge sind es, die
Bremen mit dem "Blauen Reiter" verbinden:
Der "Protest deutscher Künstler", der von dem Worpsweder Maler Carl Vinnen herausgegeben wurde und insbesondere in München bei Marc und
Kandinsky zu heftigen Gegenreaktionen führte,
und die legendäre "Erste Ausstellung Der Blaue
Reiter", die nach ihrer Premiere in der Münchner
Galerie Thannhauser (Dezember 1911) im Mai 1912 auch
in Bremen Station machte.
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Doppelseite aus dem
Almanach Der Blaue Reiter
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Der "Protest deutscher Künstler" war jenes
nationalistisch gefärbte Pamphlet, das 140 Stimmen
zumeist etablierter Kunstprofessoren
zusammenfasste und gegen den Ankauf von van Goghs "Mohnfeld"
für die Bremer Kunsthalle (der erste Ankauf eines
van Gogh-Bildes für ein deutsches Museum
überhaupt) Front machte. Es führte damals zu
einer landesweiten Diskussion über die
Erwerbungspolitik der Museen und über das Verhältnis
zwischen deutscher und französischer Kunst.
Bereits wenige Monate später erschien im
Münchner Verlag R. Piper & Co., "Die Antwort auf den 'Protest deutscher Künstler' ", die nun die Sache
der 'neuen Kunst' vertrat. Initiiert von Alfred
Walther Heymel wurde die Publikation von Marc, Macke und Kandinsky als Forum ihrer
eigenen Interessen genutzt. "Mir kam sofort die Idee
einer Entgegnung, aber nur auf breiter Basis mit dem Rückhalt von Namen (Tschudi,
Berliner Secession, Sonderbund etc.). Ich finde die
Gelegenheit famos, um auf diesem Wege das Schlachtgeschrei zu erheben.", schrieb Marc damals
an Macke. Auf höherer Ebene sollte diese
Debatte dann im "Almanach Der Blaue Reiter"
weitergeführt werden.
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Wassily Kandinsky - Araber III (mit Krug), 1911
Staatliche Gemäldegalerie
von Armenien, Erevan
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Die Bremer Station der ersten
"Blaue-Reiter"- Ausstellung fand in den "Vereinigten
Werkstätten für Kunst im Handwerk" statt. Sie wurde
von der Presse und der interessierten
Öffentlichkeit als Fortsetzung des Vinnen-Streites
aufgenommen und entfachte die Diskussionen um die 'neue Kunst' ein weiteres Mal.
Bremen war die vierte Station einer umfangreichen Ausstellungs-Tournee, die zunächst
von Marc, Macke und Kandinsky selbst, später
dann von dem Berliner Kunsthändler Herwarth Walden organisiert wurde. Sie umfasste insgesamt 12 Stationen und führte u. a. über Köln,
Berlin und Hamburg bis nach Budapest und
schließlich nach Skandinavien, wo sie im Juli 1914 in
Göteborg endete. Für den Katalog der aktuellen
Bremer Ausstellung wurde versucht diese Tournee erstmals in ihrem Verlauf nachzuzeichnen.
Dazu wurden 'Korrespondenten', d. h.
Museums-Kolleginnen und -Kollegen in den
verschiedenen Städten gebeten, vor Ort zu recherchieren
und auch in der damaligen Presse nachzuforschen. Manche Stationen, die bisher für
wahrscheinlich gehalten wurden, wie z. B. Königsberg,
Prag, Wien oder Rotterdam, haben sich dabei leider nicht bestätigen lassen. Die verbleibenden
Stationen aber lassen erkennen, mit welcher Energie und welchem Sendungsbewusstsein sich
die jungen Künstler selbst vermarktet haben, und
wie von einem umtriebigen Kunsthändler eine
gezielte europaweite Verbreitung angestrebt wurde.
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August Macke, Russisches Ballett I, 1912
Kunsthalle Bremen
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Die aktuelle Ausstellung des "Blauen
Reiter", die ca. 170 Exponate umfasst, setzt sich aus
drei Teilen zusammen. Einer Gemäldeschau,
einer Zeichnungs- und Aquarellausstellung im Kupferstichkabinett der Kunsthalle und einer
eigenen Abteilung für den Almanach. Damit
orientiert sie sich an den drei großen Aktivitäten,
die den "Blauen Reiter" ausmachen: der bereits
erwähnten "Ersten Ausstellung Der Blaue
Reiter", in der ausschließlich Gemälde gezeigt
wurden, der "Zweiten Ausstellung Der Blaue
Reiter, Schwarz-Weiß", die ausschließlich Arbeiten
auf Papier versammelte und dem "Almanach Der Blaue Reiter", der mit seinen
vielschichtigen Querverweisen zu Völkerkunde und
Volkskunst und zu Musik und Theater ein Panorama
der Zeugnisse derjenigen Kunst entfaltete, der
sich die Künstler verwandt fühlten. Dabei soll
die Ausstellung keine Rekonstruktion dieser drei historischen Ereignisse sein. Diese bilden vielmehr den Rahmen dafür, die beteiligten
Künstler in ihrer jeweils spezifischen Rolle
innerhalb des "Blauen Reiter" zu charakterisieren.
Das eigentliche gedankliche Zentrum der Münchner Künstlerbewegung war der
Almanach. In den dort abgebildeten Kunstwerken, vor
allem aber in deren Kombination und Konfrontation stecken seine wesentlichen künstlerischen
Postulate. Nicht kunsthistorische Folgerichtigkeit
bestimmte die Auswahl der 'Vergleichsbeispiele', sondern ein die Kulturen und Epochen
übergreifendes Denken, dessen Kriterien hier zur Diskussion gestellt werden sollen. In der
Ausstellung werden die meisten der im Almanach
abgebildeten Kunstwerke deshalb im Original (oder in
einem verwandten Ersatzobjekt) zu sehen sein und wie in dem Buch nach dem Prinzip der
"vergleichenden Kunstgeschichte" präsentiert
werden.
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Franz Marc, Der Stier, 1911, Guggenheim Museum New York
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