Ingrid Scheurmann
"Schwerer ist es das Gedächtnis der
Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem
Gedächtnis der Namenlosen ist die historische
Konstruktion geweiht."
(Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, I, S. 1241)
Unter dieses Motto aus Benjamins Anmerkungen zu seinen Thesen "Über den Begriff der
Geschichte" hat Dani Karavan 1994 sein
Environment "Passagen" gestellt, das an der
französisch-katalanischen Grenze an den 1940 hier
verstorbenen deutschen Philosophen und Kritiker
Walter Benjamin erinnern soll. Als Hommage an den großen Denker versteht sich die tief in die
felsige Küstenlandschaft eingeschnittene
Skulptur. Mit sparsamen Mitteln, gerade darum aber
umso eindringlicher, markiert sie einen
historischen Ort, der in diesem Jahrhundert wiederholt
zum Nadelöhr für gewaltige Flüchtlingsströme
geworden ist. Spanischen Republikanern, verfolgten Juden und Widerstandskämpfern aus ganz
Europa wurde die Passage über die Pyrenäen zum Synonym für die ersehnte Rettung vor Flucht
und Verfolgung.
Das katalanische Grenzdorf Portbou stellt neben anderen, in der alltäglichen politischen
Debatte oft nur marginal wahrgenommenen Orten Europas einen Baustein innerhalb einer ganz
eigentümlichen Landkarte dieses Kontinents
dar. Es war - und ist vielleicht immer noch - Orientierungspunkt innerhalb eines im Alltag
unsichtbaren, den Hilfesuchenden aber umso bewussteren Koordinatensystems, an dem sich
- historisch wie aktuell - ihre Fluchtwege ausrichten.
Nicht allein die entfernten großen Städte waren
und sind für Emigranten, Asylsuchende und
Kriegsflüchtlinge von Belang, sondern die
zwischen Nähe und Ferne, Diesseits und Jenseits so
erbarmungslos scheidenden Grenzorte. Tausendfach wurde hier über Leben und Tod entschieden.
Bis heute hat sich daran nichts geändert.
Wie viele andere vor und nach ihm musste Benjamin erfahren,
dass die bewältigte Grenzüberschreitung dennoch nicht
gleichbedeutend sein muss mit Rettung und Freiheit. Ihm
wurde jenseits der ausgrenzenden Schwelle die
Weiterreise verweigert. Die angebliche Freiheit
demaskierte sich als Kollaboration. Benjamins Tod
an einer europäischen Grenze - ob selbst
gewählt oder durch die Umstände erzwungen - kann
als Symbol für die fragile Stellung des
Individuums in der modernen Massengesellschaft
gelesen werden.
"Border Crossings" ist die an Benjamin
erinnernde internationale Konferenz deshalb nicht umsonst überschrieben. Aus
Anlass seines 60. Todestages hat sie nicht nur das Werk des
großen Denkers zum Gegenstand, sondern thematisiert - unter Bezug auf sein
Emigrantenschicksal - auch Fragen nach der kulturellen und
politischen Bedeutung von Kosmopolitismus und nationalen Mythologien, von Ethnizität und
Heimatlosigkeit, von Exil und politischer Vision,
von Geschichte und Erinnern. Der Blick zurück
auf das exemplarische Schicksal dieses bedeutenden Theoretikers der Moderne zwingt zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt
Europas nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der martialischsten aller europäischen Grenzen.
Referenten aus Bosnien, Rumänien, Polen
und Ungarn diskutieren die Bedeutung und den Stellenwert der von Benjamin aufgeworfenen
Fragestellungen mit Philosophen, Literaten,
Künstlern und Schriftstellern aus Westeuropa,
Israel und den Vereinigten Staaten. Die Tagung widmet sich insgesamt vier
Schwerpunktthemen: "Kollektive Identität und nationaler Mythos
in einer globalisierten Welt"; "Moderne Kunst
und neue Medien"; "Massengesellschaft und die
Zukunft des Individuums"; "Zwischen
Geschichte und Erinnerung". Angesehene
Benjamin-Forscher wie Irving Wohlfarth, Bernd
Witte, Stéphane Moses, Shoshana Felmann,
Winfried Menninghaus und Giorgio Agamben haben ihr Kommen zugesagt, aber auch Literaten und
Journalisten wie György Konrád, Abdelwahab Meddeb, Adam Michnik und Andrei Gabriel
Plesu, Kulturphilosophen und Historiker wie
Boris Groys, Ivan Lovrenovic oder Idith Zertal, Medientheoretiker und Künstler wie Dani
Karavan,
Peter Weibel und Michael Bielicky, Diplomaten
und Politiker wie Stéphane Hessel und
Shlomo Ben Amin.
Unter der Schirmherrschaft der UNESCO erfährt die Konferenz die Unterstützung
bedeutender europäischer Institutionen, zu denen
neben den Universitäten von Rom, Zürich und
Barcelona, dem ZKM in Karlsruhe, dem Franz Rosenzweig Zentrum in Jerusalem auch das Fritz
Bauer Institut in Frankfurt und der Arbeitskreis
selbständiger Kultur-Institute e.V. - AsKI - in
Bonn zählen. Gemeinsam tragen diese Institutionen
die Gründung der geplanten Internationalen
Walter Benjamin-Gesellschaft.