Frankfurter Goethe-Haus – Freies Deutsches Hochstift: Füsslis „Nachtmahr“. Traum und Wahnsinn

Johann Heinrich Füssli (1741–1825), Der Nachtmahr, 1790/91, Öl auf Leinwand, Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethte.-Museum, Foto: David Hall

„Zu den am wenigsten erforschten Bereichen der Kunst zählen die Träume."

Füssli, Aphorismus 231

Johann Heinrich Füsslis spektakuläres Gemälde „Der Nachtmahr" ist eine Ikone der Schauerromantik. Obwohl der eigenwillige Künstler lange nur Kennern ein Begriff war, hat sich das Bild ins kollektive Gedächtnis eingeprägt und eine erstaunliche Wirkungsgeschichte entfaltet. Als der aus Zürich stammende und in London tätige Füssli 1782 die Erstfassung in der Royal Academy ausstellte, rief er eine Sensation, ja einen Skandal hervor. Grafikreproduktionen des Gemäldes, das sich heute im Detroit Institute of Arts befindet, verbreiteten das Motiv in Windeseile auch auf dem Kontinent. Damit begann der anhaltende Siegeszug der „Nachtmahr"-Paraphrasen in den unterschiedlichsten Medien bis hin zum Film.

Thomas Burke (1749–1815), Der Nachtmahr, 1802, Radierung in Punktiermanier nach Füsslis Gemälde von 1781, Zentralbibliothek Zürich

1790/91 schuf Füssli eine zweite Fassung, in der er die gespenstische Wirkung des Nachtstücks noch steigert. Die Komposition wird zugespitzt, das Kolorit spielt nun ins Bläulich-Fahle und die dramatische Lichtregie verstärkt den schauerlichen Effekt. Was ist zu sehen? An der Bildschwelle, unmittelbar dem Blick des Betrachters preisgegeben, liegt eine leichenblasse junge Frau in dünnem Musselingewand mit geschlossenen Augen auf einem Bett, das in einem engen, dunklen Alkoven zu stehen scheint. Mit hochgezogenen Knien und weit zurückgebogenem Oberkörper nimmt die Liegende eine Haltung ein, die sowohl Konvulsion als auch Lähmung anzeigen kann. Die Bedeutung des Zustands bleibt offen: Handelt es sich um eine Ohnmacht oder um Schlafparalyse, um den „kleinen Tod" nach einem sexuellen Höhepunkt oder um den Tod selbst?

Der Bildtitel „The Nightmare", der auf Füssli zurückgeht, signalisiert, dass ein Alptraum diesen Zustand ausgelöst hat – ein Alptraum, der indessen so präsent wirkt, dass er auch erlebter Horror sein kann, ein Horror, der in den Wahnsinn treibt. Zwei schauerliche Wesen sind in den Alkoven eingedrungen, leicht erkennbar als Variation des Archetypus „die Schöne und das Biest". Auf Brust und Magen der Liegenden hockt ein koboldartiges Ungeheuer, ein „Incubus" oder „Schrättelin", das nach altem Volksglauben Schläferinnen heimsucht, sie drückt und Verkehr mit ihnen hat. Im „Hexenhammer" (1486/87) wird die Heimsuchung schlafender Frauen durch einen „Incubus" als magische Praxis beschrieben. Mit dem Fortschreiten medizinischer und naturwissenschaftlicher Kenntnisse wird zwar der Aberglaube obsolet, beibehalten wird jedoch die Figur des „Incubus" als bildhafte Vorstellung für einen Alpdruck, der Beklemmung und Atemnot hervorruft. Unter dieser Prämisse setzt Dr. Johnson in seinem "Dictionary of the English Language" (1755) den „Incubus" mit "Nightmare" gleich. Der Naturphilosoph Erasmus Darwin greift in seinem Lehrgedicht "The Botanic Garden"(1789/1791) ebenfalls dieses spukhafte Motiv auf, um seine Ausführungen zur Physiologie des Schlafs und zur Psychologie des Traums zu veranschaulichen. Zwischen Darwins Versen und Füsslis „Nachtmahr" besteht ein enger Zusammenhang; die zweite Fassung des Bildes wurde explizit als Vorlage für die Illustration des Alptraums in "The Botanic Garden" entworfen.

Noch gespenstischer als der „Incubus" wirkt im „Nachtmahr"-Gemälde der bleiche Pferdeschädel, der mit glosenden Augen durch einen Vorhangspalt in den Alkoven eindringt. Der Ausdruck „Nachtmahr" lässt an das abwertende Wort „Mähre" für ein Pferd denken; dem entspricht der altenglische Begriff „Mare". Es gibt jedoch noch eine andere etymologische Herleitung für das Wort „Nightmare" bzw. „Nachtmahr": Zugrunde liegt die altnordische Bezeichnung „Mara" für einen Dämon, der Schlafenden aufhockt und sie quält, also dem „Incubus" entspricht. Mähre und Mara, Gespensterpferd und Dämon, werden von Füssli zusammengespannt, um das Phänomen des Alptraums for-mal zu fassen und zugleich ins Fantastische zu transformieren. Dabei greift der hochgebildete Künstler auf eine Vielzahl von Quellen zurück: von der Traumerzählung des Mercutio in Shakespeares „Romeo und Julia" bis zu zeitgenössischen medizinischen Berichten, von der antiken Marmorskulptur der „Schlafenden Ariadne" bis zu Joshua Reynolds' „Tod der Dido". Füssli mischt Motive aus Kunst, Literatur, Aberglauben und Medizin mit eigenen Obsessionen; so kann die komplexe Figuration des „Nachtmahrs" zur Blaupause für Alpträume, Visionen, Erotik, Schauer und Wahnsinn werden. Das Bild hat unzählige Deutungen erfahren und unterschiedlichste Sichtweisen herausgefordert, bleibt letztendlich aber schillernd und mehrdeutig.

Max Klinger (1857–1920), „Tote Mutter“, 1889 aus dem Zyklus "Vom Tode, Zweiter Teil), [Public domain], via Wikimedia Commons

Erstmals unternimmt es jetzt eine Ausstellung im Frankfurter Goethe-Museum, Füsslis „Nachtmahr" in all seinen Facetten zu beleuchten und seiner bis in die Gegenwart reichenden Rezeption nachzuspüren. Im Zentrum steht die Gemäldefassung des „Nachtmahrs" von 1790/91. So bekannt sie auch ist, wissen doch nur Wenige, dass sie dem Frankfurter Goethe-Museum gehört, das die größte deutsche Sammlung an Gemälden Füsslis besitzt. Dort war der „Nachtmahr" schon 1938 als Leihgabe auf der ersten Füssli-Ausstellung in Deutschland zu sehen. Das Bild schlug den damaligen Direktor Beutler in seinen Bann und er ruhte nicht, bis er es 1953 aus Schweizer Privatbesitz erwerben konnte. Als Argument für den Kauf führte er die enge Bindung des Künstlers an die Dichtung ins Feld. Füssli, selbst schriftstellerisch tätig, war ein durch und durch literarischer Maler, der den Großteil seiner Themen aus der Dichtung bezog. Die Anhänger des Sturm und Drang bewunderten ihn als Kraftgenie: „Was für eine Glut und Inngrimm in dem Menschen ist", schwärmte Goethe 1775, und Lavater rühmte seinen Jugendfreund Füssli: „Er ist in allem Extrem – immer Original; Shakespeares Maler [...]. Sein Witz ist grenzenlos. Er handelt wenig, ohne Bleistift und Pinsel – aber wenn er handelt, so muß er hundert Schritte Raum haben, sonst würd' er alles zertreten. Alle griechischen, lateinischen, italienischen und englischen Poeten hat er verschlungen. Sein Blick ist Blitz, sein Wort ein Wetter – sein Scherz Tod und seine Rache Hölle. In der Nähe ist er nicht zu ertragen. [...] Er zeichnet kein Porträt – aber alle seine Züge sind Wahrheit und dennoch Karikatur" (an Herder, 4. November 1773).

Bei aller euphorischen Überhöhung trifft Lavater den Kern; nicht umsonst wird Füssli in seiner Wahlheimat England „the wild Swiss" genannt. Auch der Hinweis auf Füsslis Nähe zur Karikatur beweist Scharfsicht. Tatsächlich neigt der Künstler zur starken Überzeichnung seiner Figuren und zur Übertreibung von Pathosgesten bis hin zum Umschlag ins Groteske – vom Sublimen zum Lächerlichen ist es oft nur ein Schritt. Das trifft auch auf die Figuration des „Nachtmahrs" zu, die ein unbestreitbar groteskes Potenzial besitzt und damit die ideale Voraussetzung für eine Rezeption durch die Karikatur bietet. Schon bald nach der Entstehung des Bildes sahen Karikaturisten sich in schier unglaublichem Maße dazu herausgefordert, namentlich politische Zusammenhänge aufs Korn zu nehmen. Bis in die 1830er Jahre lassen sich an die 100 Karikaturen nachweisen, die den „Nachtmahr" persiflieren.

Honoré Daumier (1808–1879), Le cauchemar / Der Alptraum, La Caricature, Nr. 69, Pl. 139, 23. Februar 1832, Kreide-Lithografie, Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover

Einschlägige Karikaturen nehmen denn auch breiten Raum in der Ausstellung ein, die in Zusammenarbeit mit dem Museum Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst Hannover ausgerichtet wird. Die Schau versammelt über 150 Exponate vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik, Bücher und Filmausschnitte. Einen Höhepunkt bilden Füsslis eigene Darstellungen zu Traum und Wahnsinn – Themen, die sein gesamtes Schaffen durchziehen. Beherrscht wird dieser nächtliche Kosmos von der Traumfee „Queen Mab". Füssli kam zwar aus der Schule der Aufklärung, doch die Grenzbereiche der Psyche, ihre dunklen Seiten zogen ihn magnetisch an. Die sublime Lust am Schrecken wurde zu einem bestimmenden Faktor seiner Ästhetik. So verwundert es nicht, dass seine Motive in der Schauerromantik fortwirken und ihr Echo noch in den Horrorgeschichten der Gegenwart finden. In der Ausstellung kann freilich nur ein Ausschnitt aus diesem nahezu unüberschaubaren Feld gezeigt werden. Lord Byron beschwört die Dämonen der Nacht herauf; William Polidori folgt mit dem ersten Vampirroman, Mary Shelley mit „Frankenstein" und Charles Nodier mit „Smarra". Für die deutsche Romantik stehen Namen wie Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann. Guy de Maupassant und Edgar Allan Poe setzen neue Akzente in der Literatur; Max Klinger, Alfred Kubin, Edvard Munch u.a. liefern „Nachtmahr"-Paraphrasen in der Kunst. Besonders intensiv setzt Horst Janssen sich in seiner Suite „Der Alp" mit Füsslis „Nachtmahr" auseinander. Sogar Gert Schiff, der Doyen der Füssli-Forschung, karikiert sich selbst als Nachtmahr in einem Brief an Dorothea Sternheim. Die cineastische Adaption dokumentieren Filmausschnitte von Murnaus „Nosferatu" über Ken Russells „Gothic" bis zu Achim Bornhaks „Der Nachtmahr" (2015). Damit erweist sich Füsslis frappante Bildfindung als Projektionsfläche, die über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart hinein wirkt und die jeweilige Zeitstimmung reflektiert.

Dr. Petra Maisak
bis 2015 Leiterin Goethe-Haus,
Goethe-Museum und Kunstsammlungen
Kuratorin der Ausstellung,
gemeinsam mit Prof. Dr. Werner Busch

 

Frankfurter Goethe-Haus – Freies Deutsches Hochstift: Frankfurt am Main
Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover

Füsslis „Nachtmahr". Traum und Wahnsinn

20. März – 18. Juni 2017, Frankfurt am Main
22. Juli – 15. Oktober 2017, Hannover

Zur Ausstellung erscheint ein von Werner Busch und Petra Maisak herausgegebener Katalog (248 S.).

 

AsKI KULTUR lebendig 1/2017

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