Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg: Luther, Kolumbus und die Folgen

Indianer mit Papagei  aus: Trachtenbuch des Christoph Weiditz, 1530/40, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Welche Folgen hatte die Reformation für das Europa des 16. Jahrhunderts? Was machte dieser Glaubenskonflikt mit der Gesellschaft? In einer großen Sonderausstellung (13. Juli – 12. November 2017) anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 stellt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg erstmals die Auswirkungen der religiösen Auseinandersetzung in einen breiten mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Kontext.

Die damalige Bevölkerung sah sich nicht nur mit einem kompletten Wandel des theologischen Weltbildes konfrontiert, sondern auch mit einer sich ändernden Geographie. Die „Entdeckung" eines neuen Erdteils durch Kolumbus, die Reformation Luthers und das heliozentrische Weltbild des Copernicus – alle diese folgenreichen Neuerungen fielen in dieselbe Zeit.

Lucas Cranach d. Ä.: Luther als 50jähriger, 1533, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg  Dauerleihgabe der Bayerischen StaatsgemäldesammlungenDie Ausstellung beleuchtet erstmals die weitreichenden Konsequenzen der Gleichzeitigkeit von Reformationsereignissen und tiefgreifenden Veränderungen in Wissen und Bild von Welt und Kosmos. Rund 200 Exponate lassen die Besucher in fünf Themenkomplexen in die Reformationsepoche und ihren Wendezeitcharakter eintauchen.

Zeitgenossen nahmen ihr 16. Jahrhundert keineswegs als Zeit des reinen Fortschritts wahr. Vielmehr fürchteten und beklagten sie die permanenten Veränderungen. Etablierte Glaubens- und Weltdeutungsmuster reichten nicht mehr aus, um Glaubensalternativen oder den Zuwachs an Wissen zu integrieren. Der Umgang mit all diesen Neuerungen schwankte zwischen Aufbruchstimmung und Angst und setzte sowohl produktive wie destruktive Kräfte frei.

Laute Reformatoren – stille Revolutionäre

Einleitend werden die Besucher mit den Biografien der drei großen Neuerer vertraut gemacht. Das heute gängige Bild von Luther als Revolutionär steht in starkem Kontrast zu seinem eigenen Anspruch, den als verloren angesehenen alten Urzustand der Kirche wiederherzustellen. Auch Kolumbus wollte lediglich einen neuen Seeweg zum fernsten Teil der „Alten Welt" finden – und keineswegs eine „Neue Welt" entdecken. Ebenso vertraute Copernicus auf altes Wissen, als er versuchte, mit seinem heliozentrischen Modell zur antiken Idee von um die Sonne kreisenden Planeten zurückzukehren. Obschon ungewollt, schufen Luther, Kolumbus und Copernicus Platz für Neues, indem sie mit etablierten Vorstellungen brachen oder sie zumindest in Frage stellten.

Ihre Wirkung entfalteten sie dann auf höchst unterschiedliche Weise: Luther stellte als versierter Publizist seine Theologie öffentlich und polemisch zur Diskussion. Jeder kannte ihn. Copernicus dagegen wirkte im Stillen. Zur Veröffentlichung seiner Thesen musste man ihn kurz vor seinem Tod regelrecht drängen. Auch Vorstellungen von der Beschaffenheit der Erde lösten sich „nach Kolumbus" nur langsam, aber stetig angesichts der Erweiterung des geographischen Weltbilds auf (s. auch Titelbild „KULTUR lebendig").

Behaim-Globus, Detailansicht, Nürnberg, 1492/94. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Lust und Last des Neuen

Behaim-Globus, Nürnberg, 1492/94, Foto: Germanisches Nationalmuseum, NürnbergEntdeckungsfahrten und Expeditionen ließen immer deutlicher werden, dass allein am Schreibtisch betriebene Forschungen unzureichend waren. Mit der Höherschätzung individueller Erfahrungen gegenüber kanonischem Alt-Wissen legte das 16. Jahrhundert entscheidende Grundsteine für die modernen Naturwissenschaften. Der Vergleich von Globen und Karten aus dem 16. Jahrhundert verdeutlicht, wie sich das Bild von der Welt innerhalb weniger Jahrzehnte veränderte. Autopsien und Vivisektionen erweiterten das Wissen über Pflanzen und Körper.

Der Buchdruck machte die neuen Erkenntnisse einer immer breiteren Leserschaft zugänglich. Neben der Verbreitung leistete er vor allem beim Speichern des neuen Wissens Bahnbrechendes: Umfangreiche Enzyklopädien und erste Fachkompendien als reich illustrierte Nachschlagewerke entstanden.

Auch über die alternativen Glaubensbekenntnisse wurde publiziert. Jeder Einzelne musste sich entscheiden. Abendmahlskelche und Abendmahlskannen zeugen von den neuen Unterschieden in Glaubenspraktiken. Die geographischen und wissenschaftlichen Neuentdeckungen stellten dagegen mehr eine intellektuelle Herausforderung dar.

Im Staunen über nie Gesehenes und der Lust am Neuen keimte letztlich eine positive Haltung gegenüber einem seit Augustinus heftig abgelehnten Laster: der „Curiositas", der Neugierde – als Triebfeder aller modernen Welterkenntnis.

„Komm, lieber Jüngster Tag." Endzeiterwartung und Prognostik als Bewältigungsstrategien

Die „geschwinden Zeiten" des 16. Jahrhunderts, in denen die Zeitgenossen zu leben empfanden, machten viele Menschen unsicher und orientierungslos. Um eine Erwartungssicherheit zu bieten, erklärte die evangelische Seite Martin Luther zur zentralen Figur der Heilsgeschichte. Nachdem der Reformator den Papst als Antichristen enttarnt hatte, stand gemäß der Bibel der Jüngste Tag unmittelbar bevor und versprach Erlösung aus einer vor dem Zerfall stehenden Welt.

Naturabguss zweier Eidechsen,  Nürnberg, um 1540/50  Umkreis von Wenzel Jamnitzer, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Dauerleihgabe der Stadt Nürnberg

Neuen Aufschwung erfuhr auch der Prodigienglaube: Ungewöhnliche Wolkenformationen, klimatische Anomalien oder missgebildete Tiere wurden von Zeitgenossen als Unheil bringende Vorzeichen gedeutet. Im Schwanken zwischen Fatalismus, Glaube und Aberglaube, Hoffnung, Angst und Zuversicht spiegeln sich Dynamik und Nöte der Zeit wie im Brennglas wider. Das Bestreben, eine göttliche Vorsehung aus Naturphänomenen herauszulesen, führte zu einer intensiven Beobachtung der Umwelt. Versuche zur Berechnung von Natur- und Himmelsereignissen erwiesen sich dabei als indirekter Motor für naturwissenschaftlichen Erkenntnisdrang.

„Ein völlig Paradies auf Erden". Gegenwelten und (innere) Rückzugsorte

Parallel entbrannte als Reaktion auf die Umbrüche der Wunsch nach – fiktiven wie realen – Rückzugsorten. Kunst- und Wunderkammern sowie Menagerien waren nicht nur Orte des Kunstsammelns und der Repräsentation. Albrecht Dürer empfand 1521 die Brüsseler Menagerie mit ihren exotischen Tieren „gleich einem Paradies". Und der Humanist Veit Bild bezeichnete 1525 die Kunstkammer Raymund Fuggers ebenfalls als „Paradies". Zoo und Museum entwickelten sich zu Orten der Rekreation, von Nöten der eigenen Zeit losgelösten und räumlich getrennten Refugien.

Es wird kälter

Flugblatt über eine Hexenverbrennung im Harz im Jahre 1555, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Im 16. Jahrhundert durchlief Europa eine Phase der Abkühlung – im tatsächlichen wie metaphorischen Sinne. Die extremen Witterungsbedingungen der „Kleinen Eiszeit",

die zwischen 1560 und 1630 einen Höhepunkt aufweist, griffen mit Hungersnöten und Epidemien auf sehr elementare Weise ins damalige Leben ein. Die Ausstellung endet entsprechend mit Darstellungen von Winterlandschaften in Malerei und Grafik – ein neu aufkommendes Motiv. Ihnen gegenüber stehen Zeugnisse der neuen „verhärteten" Rechtsprechung gegen „Hexen" und Zauberer – der Klimawandel stellte die gerade erst entwickelten, gesellschaftlich-konfessionellen Bewältigungsstrategien schon wieder auf die Probe.

Statt – wie von Geistlichen aller Konfessionen gefordert – in Buße zu verharren, wollten viele Zeitgenossen handeln. Mittels magischer Praktiken suchten sie nach Schuldigen, die vielfach in vermeintlichen Hexen gefunden wurden. Verhörprotokolle aus Zauberei- und Hexereiprozessen gewähren nicht nur Einblicke in die alltäglichen sozialen Konfliktpotentiale.

Sie offenbaren auch die oftmals nur oberflächlich konfessionalisierten Glaubenswelten der Betroffenen. Der Ruf nach „Ordnung" wurde zu einem Leitprinzip. In der Zusammenschau mit wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen kann die Kleine Eiszeit somit als weiterer Katalysator für viele Institutionalisierungsprozesse verstanden werden, die das ausgehende 16. Jahrhundert prägten.

 

Dr. Stephanie Armer und Dr. Thomas Eser
Kuratoren der Ausstellung
Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

 


 

AsKI KULTUR lebendig 1/2017
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