Hermann Reemtsma-Stiftung - Gerettet: Das Dehmelhaus in Hamburg

Dehmelhaus in Hamburg-Blankenese, Foto: Franz Fechner, Bonn

Karl Schmidt-Rottluff und Max Liebermann, Alma Mahler und Richard Strauss, Thomas Mann, Paul Claudel, Gerhart Hauptmann, dazu Walther Rathenau und natürlich Harry Graf Kessler – die Liste derer, die Richard Dehmel (1863-1920) einen Besuch abstatteten, ist lang.

1901 hatte sich der europaweit gefeierte Dichter im Fischerdorf Blankenese bei Hamburg niedergelassen, 1912 bezog er mit seiner Frau Ida ein selbst geschaffenes Gesamtkunstwerk aus Haus, Garten und Interieur. Korrespondenzen und Reisen verbanden die Dehmels mit den Protagonisten der Avantgarde, mit Darmstadt, Weimar und Wien. Die Einflüsse spiegeln sich in der Einrichtung ihres Hauses: Inspiriert von seinem Freund Peter Behrens und begeistert von Henry van de Velde entwarf Richard Dehmel ein Möbelensemble, das keinen Zweifel an seiner ästhetischen Mission ließ. Vielen galt er als einer der größten deutschen Lyriker, nachwachsenden Schriftstellern als unermüdlicher Mentor. So machten Freunde und Verehrer ihm anlässlich seines 50. Geburtstages das zunächst zur Miete bewohnte Haus zum Geschenk. Unter den Gönnern waren Stefan Zweig, Hugo von Hofmannsthal, Elisabeth Förster-Nietzsche, Samuel Fischer, Eduard Arnhold und andere mehr. Die klangvollen Namen des Umfelds bezeugen, was heute oft vergessen wird: Richard und Ida Dehmel waren Schlüsselfiguren bei der Geburt der künstlerischen Moderne.Ida und Richard Dehmel, 1901, Foto: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky

Nach dem Tod des Dichters gründete Ida Dehmel (1870-1942) den Künstlerinnenverband GEDOK und machte das Dehmelhaus zu einer begehrten Adresse im Hamburger Kulturleben. Sie setzte alles daran, es unverändert zu erhalten, damit es künftigen Generationen von Richard Dehmel und der Kunst seiner Zeit erzählen könne. Ab 1933 wurde sie wegen ihrer jüdischen Abstammung zunehmend bedrängt. Künstlerfreunde verließen das Land, das Dehmelhaus verlor seine geistige Heimat. Beschützt von Peter Suhrkamp trotzte Ida Dehmel der wachsenden Gefahr. Sie bewachte das Haus, bis sie ihrem Leben selbst ein Ende setzte.

Nachfahren traten das Familienerbe an und widmeten sich unter großen Entbehrungen bis ins hohe Alter dem weiteren Erhalt des Hauses. Neues kulturelles Leben erwachte, doch gelang es letztendlich nicht, an die einstige Strahlkraft des Dehmelhauses anzuknüpfen. Die Hoffnung auf eine Übernahme in staatliche Obhut blieb unerfüllt. Daran konnten auch die öffentliche Aufmerksamkeit und die eindrucksvollen Forschungsergebnisse von Peter-Klaus Schuster in den 1980er Jahren nichts ändern. 1992 trat ein Privateigentümer an, das Haus unter Beibehaltung seiner historischen Ausstattung mit neuen Inhalten zu betreiben. Doch schon wenige Jahre später blieb das Dehmelhaus sich selbst überlassen und verfiel.

Blick in das Speisezimmer mit von Richard Dehmel selbst entworfenen Möbeln, Foto: Franz Fechner, Bonn

Gesa und Hermann-Hinrich Reemtsma wurden auf das bedrohte Kulturdenkmal aufmerksam. Was mit einer Notsicherung durch die Hermann Reemtsma Stiftung begann, führte am 150. Geburtstag Richard Dehmels 2013 zur Übertragung in eine eigens gegründete Trägerstiftung. Ausgestattet mit Fördermitteln hat sie es 2014 bis 2016 denkmalgerecht restauriert. Etwas von dem einstigen Geist dieses Ortes ist seitdem zurückgekehrt. In seltener Vollständigkeit ist hier ein Dichterinterieur aus der Zeit der Universalkünstler um 1900 erhalten. Ab Sommer wird es im Rahmen von Führungen zu besichtigen sein, eine erste Publikation liegt vor.

Das Dehmelhaus kehrt ins Leben zurück. Zusammen mit etwa 40.000 Briefen in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg macht es neugierig auf zwei Menschen, die zahllose Schriftsteller, Maler und Komponisten des 20. Jahrhunderts inspiriert haben.

Carolin Vogel
Projektleiterin Hermann Reemtsma Stiftung

www.dehmelhaus.de


Publikation

Richard Dehmel in Blankenese
Text: Carolin Vogel;  Photographien: Angelika Fischer
32 S. mit 48 Abb. im Duoton, € 8.80,
Edition A • B • Fischer, ISBN 978-3-937434-82-7

 

AsKI KULTUR lebendig 1/2017
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