Goethe-Museum Düsseldorf: Bibel, Sprache, Wahrhaftigkeit. Goethe und Luther

Johann Wolfgang von Goethe, Luther / Wer redlich ficht /  wird gekrönt. Weimar d. 5. Jan. 1814 Goethe, © Goethe Museum Düsseldorf / Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung

„Und so sind denn die Deutschen erst ein Volk
durch Luthern geworden."

Goethe an A.O. Blumenthal, Weimar den 28. Mai 1819.

Im Jahr der 500. Wiederkehr der Reformation beteiligt sich das Goethe-Museum Düsseldorf mit einer Ausstellung (12. März bis 14. Mai 2017), die die durch Martin Luther ausgelöste Glaubensbewegung des Protestantismus, deren Wirkung und die produktive Aufnahme durch Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) in acht Kapiteln veranschaulicht. Seltene Buchausgaben und einzigartige Handschriften aus der Sammlung Anton Kippenberg repräsentieren den Durchbruch der Lehre Luthers vom 16. Jahrhundert bis zu den profunden Dichtungen des späten Goethe im 19. Jahrhundert.

Die Ausstellung setzt ein mit Werken und gedruckten Zeugnissen Martin Luthers, dessen bis heute gültige Übersetzung des Neuen Testaments eine von Goethe uneingeschränkt anerkannte und auch bewunderte Lebensleistung ist. Die Bereitstellung der Bibel, das offenbarte Wort Gottes, für eine große Leserschaft ist Grundlage für die erfolgreiche Verbreitung der Rechtfertigungslehre in allen ihren Teilen: sola fide, sola gratia, sola scriptura, solo verbo und solus Christus. Die ebenso kraftvolle wie klare, verständliche wie sinnliche Sprache Luthers, die die Menschen erreicht, seine Wortschöpfungen, schätzt und nutzt Goethe während seines ganzen Lebens als Dichter, Wissenschaftler oder Politiker.

Die Ausstellung zeigt Werke Luthers wie die mit Kupferstichen versehene „Merian-Bibel" von 1704, eine Ausgabe der „Tischreden" (Eisleben 1567), die auch Goethes Interesse an dieser Gattung zu eigenen Gesprächsaufzeichnungen weckte und die Erwähnungen der historischen Faust-Gestalt enthält, dazu Luthers Katechismus und Beispiele seiner Lieddichtung („Ein feste Burg ist unser Gott", 1528, „Aus tiefer Not schrei ich zu dir", 1524, „Nun freut euch, lieben Christen gmein", 1523) unter Verwendung der aus sieben Versen bestehenden „Lutherstrophe". Markante Lebensstationen des Reformators werden sichtbar in sechs Stahlstichen mit eigenhändiger Widmung von C.A. Schwerdgeburth (1785-1878).

COLLOQVIA Oder Tischreden D. Mart: Luthers  Eisleben, 1567, © Goethe Museum Düsseldorf / Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung

Goethes geistiges Interesse richtete sich schon früh auf das 16. Jahrhundert, die Neuzeit, das Zeitalter des Humanismus und des selbstbewussten Aufbruchs der Wissenschaft. Die Zeit um 1500, als Zeitenwende verstanden, gleicht einem Innovationsprogramm, das, durch Entdeckungen von Ländern und Kontinenten, die bestehenden Horizonte grundlegend verändert. Dazu gehören die bahnbrechenden Erkenntnisse des Astrologen Nikolaus Kopernikus (1473-1543) über das heliozentrische System oder die Erfindung der Kunst des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg (ca. 1400-1468). Es ist eine Zeit des Aufbruchs in Europa, die, einander überlagernd, Wege der Beschleunigung und eines gesteigerten Erkenntnisdrangs mit sich bringt. Das Jahrhundert der geistigen Entfaltung und der Selbstbestimmung des Menschen findet sich z.B. auch in der „Historia Von D. Johann Fausten", erschienen in Frankfurt 1587 als erste lehrhaft-literarische Biographie des Medicus, Astrologen und Wahrsagers Johannes Faust, die ein Sensationserfolg auf dem Buchmarkt des ausgehenden 16. Jahrhunderts war.

Der junge Johann Wolfgang Goethe wächst in einem evangelisch bestimmten Elternhaus auf, eignet sich Fremdsprachen an, darunter Latein und Griechisch, erprobt das Gelernte in der Übersetzung von Bibeltexten. Früh schon setzt die Faszination für die bildhaften Geschichten des Alten Testaments ein, die zudem eine erste Vorstellung vom fernen Orient weckt. Der prägende Einfluss des Protestanten und Sprachphilosophen Johann Gottfried Herder (1744-1803) führt mit der Interpretation des Alten Testaments als Urpoesie eine neue Perspektive ein. Als 26-Jähriger trifft Goethe in Weimar, einem prädestinierter Ort des Protestantismus, ein.

Wesentlich auf drei Ebenen ereignet sich die geistige Begegnung Goethes während verschiedener Phasen seines Lebens mit Martin Luther. Goethe respektiert die kämpferische Persönlichkeit des Reformators, seine Sprachmacht, auch wenn er dessen Aberglauben an den Teufel ablehnt. Die monumentale Übersetzung der Bibel „wie aus einem Gusse" und die von „dem trefflichen Mann" damit bereitgestellte poetische Sprache, dazu verschiedene Stile und Rhetorik gehören zu Goethes Sprachschatz, werden dichterisch aufgegriffen und fortgeführt. Die Ausstellung widmet Goethes Auseinandersetzung mit Luther vier Kapitel, die sich an verschiedenen Lebensaltern und damit Schaffensperioden orientieren und in das Reformationsjahr 1817 münden.

Ein Zeugnis der tiefgründigen Zugehörigkeit ist u.a. das Porträt Luthers, welches Goethe in „Götz von Berlichingen" (1773) in der Szene „Herberge im Wald (1. Akt) mit der Gestalt des „Bruder Martin", eines Augustinermönches aus dem sächsischen Kloster Erfurt, der dramatischen Handlung zufügt. Der Zentralbegriff des „Götz", die Freiheit, angerufen in den letzten Worten, gehört zu Goethes dauerhaften Kennzeichnungen von Luthers Rolle. Das „Buch aller Bücher", an dem wir uns „verirren, aufklären und ausbilden mögen" („West-östlicher Divan", Noten und Abhandlungen, Hebräer) ist für Goethe auch ein Stück Weltpoesie, das dauerhaft impulsgebend auf das eigene Werk eingewirkt hat. Und die im 11. Jahrhundert gegründete Wartburg war 1777 für fünf Wochen, sowie 1778 und 1784 ein beliebter Rückzugsort für den jungen Goethe.

Das Werk des späten Goethe umfasst hinsichtlich der literarischen Gattungen drei Dichtungskomplexe, die aufeinander aufbauen. Ab Frühjahr 1814 beginnt der lyrische Kulturdialog mit dem Orient als Antwort auf die Lyrik des persischen Dichters Hafis im „West-östlichen Divan" (1819), daran anschließend das Prosawerk der Spätzeit „Wilhelm Meisters Wanderjahre" (1821) wie die sukzessive Fertigstellung des dramatischen Hauptgeschäfts „Faust. Der Tragödie zweiter Teil" (1831), ein Stoff, mit dem er sich über 60 Jahre lang beschäftigte. Alle diese Dichtungen wären ohne das sprachgeschichtliche Wirken Luthers nicht denkbar.

Mitten in diese intensive Altersproduktivität hinein fällt 1817 das 300jährige Reformationsjubiläum, das für den Dichter eine besondere Herausforderung bedeutet. Bereits Anfang 1814 setzt Goethe eigenhändig einen sprechenden Luthervers auf ein kunstvoll koloriertes Schmuckblatt: „Wer redlich ficht wird gekrönt." Im brieflichen Austausch mit dem Freund Carl Friedrich Zelter (1758-1832) wird auf dessen Wunsch hin ein Kantaten-Projekt begonnen, für das Goethe eine Konzeption und erste Textvorschläge liefert. Dennoch zögert er mit der Ausführung und schweigt. Hier gibt der Entwurf zu einem Artikel von November 1816 „Zum Reformationsfest" Auskunft. Goethe begründet programmatisch, weshalb er die Feier der Reformation, die nicht streng an einen Tag gebunden sei, mit dem Befreiungstag, dem 18. Oktober der Völkerschlacht bei Leipzig, zusammenlegen möchte. Goethe verfolgt konsequent den Gedanken, seiner irenischen, zwischen den Konfessionen vermittelnden Zielsetzung entsprechend, kein zweites Fest folgen zu lassen. Goethe kommt der Mitarbeit am Kantatenprojekt nicht nach, weil er ein erneuertes Verständnis von der Größe und Bedeutung des Reformationsgedankens gewonnen hat. Er hat die Vision von einem „Weltfest" der Humanität und der Kulturen, das über die durch Luther erlangte Vereinheitlichung der Sprache hinaus ohne konfessionelle oder politische Fronten in Eintracht gefeiert werde. Dieser hohe Anspruch konnte im Kantatenprojekt nicht eingelöst werden.

Am 11. März 1832, wenig mehr als eine Woche vor seinem Tod, führt Goethe gegenüber Eckermann in einem der wichtigsten Gespräche in weiser Voraussicht aus: „Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation im Allgemeinen Alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind in Folge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zur Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. Wir haben wieder Mut, mit festen Füßen auf Gottes Erde zu stehen und uns in unserer gottbegabten Menschennatur zu fühlen. Mag die geistige Natur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen und der menschliche Geist sich erweitern wie er will, über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen! Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwickelung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen. Sobald sie sich von der immer weiter um sich greifenden Aufklärung der Zeit ergriffen fühlen, müssen sie nach, sie mögen sich stellen, wie sie wollen, und es wird dahin kommen, daß endlich Alles nur Eins ist."

Dr. Heike Spies
Kuratorin der Ausstellung
Stellv. Direktorin Goethe-Museum/
Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung

 

AsKI KULTUR lebendig 1/2017

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