AsKI-Gemeinschaftsausstellung im Museum für Sepulkralkultur, Kassel: DIE VERWANDLUNG. Sterben und Trauer 1914-1918 - 1. Teil

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Franz Kafka, Die Verwandlung, Erste Buchausgabe, Leipzig : Kurt Wolff 1915, © Franz Fechner, BonnHundert Jahre ist es her, dass die Bevölkerung Europas mit einer bis dahin nicht vorstellbaren Dimension des Mordens, Sterbens und Leidens konfrontiert wurde. Während im Ersten Weltkrieg Millionen Soldaten auf den Schlachtfeldern den Tod fanden, starben Hunderttausende Zivilisten in der Heimat an Hunger und Krankheit.

Wie die Menschen zwischen 1914 und 1918 in Deutschland mit diesen grauenhaften Erfahrungen umgingen, wie man offiziell und privat auf die Katastrophe reagierte, wie Künstler und „Normalbürger" versuchten, das Trauma zu bewältigen, wie Schriftsteller die Ereignisse deuteten und welche Medien und Mittel man nutzte, um die divergierenden Haltungen, Empfindungen und Absichten zu artikulieren, zeigt die Gemeinschaftsausstellung im Museum für Sepulkralkultur in Kassel an der sich die folgenden AsKI-Institute beteiligen: das Archiv der Akademie der Künste, Berlin mit dem ihm angeschlossenen Walter Kempowski Archiv, das Buddenbrookhaus – Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum Lübeck, das Deutsche Literaturarchiv Marbach, die Deutsche Kinemathek, Berlin, das Max-Reger-Institut, Karlsruhe, das Museum der Brotkultur Ulm, das Museum für Sepulkralkultur, Kassel, sowie das Museum für Kommunikation Berlin. Dabei werden verschiedene Positionen exemplarisch aufgezeigt und einander gegenübergestellt.

Alle Exponate und Zeugnisse der Ausstellung entstammen den vier Kriegsjahren. In ihnen spiegeln sich die Reaktionen auf das wider, was Einzelne in dieser Zeit erlebten oder auf das, was ihnen damals berichtet oder suggeriert wurde. Es ist vor allem das Unmittelbare, Spontane, das aus vielen damals alltäglichen Dingen spricht und das sich in beeindruckender Prägnanz auch in den Werken der Künstler, Literaten und Musiker zeigt. Die Sammlungsstücke, die die AsKI- Institute in die Ausstellung eingebracht haben, berühren deshalb auf ganz andere Weise als viele Kunstwerke, die reflektierend in den 1920er Jahre entstanden sind und die unsere Vorstellungen von inneren Konflikten und seelische Erschütterungen der Menschen, die in den Strudel der Zerstörung gezogen wurden, bis heute prägen. In Tagebucheinträgen, Briefen, Fotografien und Bleistift- und Kohlezeichnungen versuchten Künstler wie Laien, das Flüchtige festzuhalten, noch bevor es von den darauf folgenden Eindrücken überlagert werden würde. Vieles wirkt deshalb nervös und spontan und überführt dadurch umso deutlicher die kalkulierten propagandistischen Aktionen, die durch Plakate, Kunstpostkarten, Sammelteller, Münzen, Anstecknadeln, Spiele, Zeitschriften und Bilderbücher den Alltag infiltrierten, der Lüge.

Nach vier Jahren Krieg war die Welt nicht mehr wie zuvor. Die Verwandlung war radikal. Sie umfasste alles und betraf jeden: die Menschen, die Gesellschaft, die Politik, die Medien, die Technologien, die Landschaften und Landkarten. Nach 1918 wurden Staatsgrenzen neu gezogen. Nicht nur in Europa, sondern in vielen Teilen der Welt, oft ohne die kulturellen, religiösen und ethnischen Besonderheiten der Regionen zu berücksichtigen. Auch im Mittleren Osten verfuhr man auf diese Weise, so dass die gegenwärtigen Kriege im Irak, in Syrien und Afghanistan durchaus als Folgen des Ersten Weltkriegs gesehen werden können.

Doch neben den politischen und gesellschaftlichen Verschiebungen soll der Titel der Ausstellung vor allem deutlich machen, dass sich in diesem gewalttätigen und zerstörerischen Prozess auch das Verhältnis der Menschen zu Sterben und Tod grundlegend verändert hat. Was Krieg angesichts neuer Massenvernichtungswaffen bedeuten kann, entzog sich bis 1914 jeglicher Vorstellungskraft. Umso tief greifender war die Erschütterung, die die Vernichtungsmaschinerie an der Front und die Mangelversorgung infolge der Abhängigkeiten vom Welthandel in der Heimat auslösten. Die Zerstörungskraft der militärischen Mittel war beispielsweise so enorm, dass die Umschreibung „Aus- löschen" für den gewaltsamen Tod eine völlig neue Bedeutung erhielt. Die katastrophale Versorgungslage machte deutlich, dass auch in der modernen Welt die Versorgung mit Nahrung und Gütern des täglichen Bedarfs keine Selbstverständlichkeiten sind.

Die Verwandlung, die Metamorphose als durchgehende Metapher soll deshalb die Besucher anregen, nach solchen Veränderungen zu suchen. Wie waren die Stimmungen zu Beginn des Krieges, was waren die Wünsche, Hoffnungen und Ängste der Menschen und wie veränderte das Erlebte die Wahrnehmungen? Wo gab es Kontinuitäten, wo Brüche in den Erzählstrukturen? Wie gingen Menschen mit der Technisierung des Tötens und der Alltäglichkeit des Sterbens und Leidens um? Ausgehend von Individuen – Künstlern, Literaten, Musikern und „einfachen" Menschen – und ihrer Sicht auf bestimmte Ereignisse soll eine Annäherung ermöglicht werden.

Die Euphorie zu Kriegsbeginn

Zwischen Euphorie aber auch böser Vorahnung beginnt ein Prozess, der Identitäten verändern und für manche in der Entmenschlichung enden wird. Ehefrauen werden als Witwen, Ehemänner als Witwer, Kinder als Waisen, die athletischen „Söhne" des „Turnvaters Jahn" als „Kriegskrüppel", Helden als Nervenkranke und Gymnasiasten als Schlächter aus dem grauenvollen Desaster hervorgehen.

Franz M. Jansen: Massengrab  aus der Mappe ‘Krieg‘, 1917/18, Foto: Akademie der Künste, Berlin, KunstsammlungIm August 1914 ist die Stimmung der bürgerlichen Eliten geprägt von Euphorie, Selbstherrlichkeit und Siegesgewissheit. Der Kriegsbeginn wird von jungen, bürgerlichen Kriegsfreiwilligen als Abenteuer erlebt. Intellektuelle begrüßen die heraufziehende Katastrophe als „den großen, grundanständigen, ja feierlichen Volkskrieg" (Zitat: Thomas Mann). Wirtschaftliche Abhängigkeiten in der bereits globalisierten Welt übersieht man geflissentlich. Befürchtungen, wie sie sich in der Angst vor dem Verlust der Existenzgrundlagen zeigten, werden nicht nur von Politikern und Medien bagatellisiert. Man ignoriert sie genauso wie die Kritiker, die darüber hinaus als „vaterlandslos" diffamiert werden.

Von der Propaganda wird der Krieg als notwendige Selbstverteidigung und gerechte Sache inszeniert. Unterstützt wird sie auch von ausgewiesenen Gegnern des Kaiserreichs, die mit dem Ausrücken der deutschen Truppen ihren Nationalstolz entdecken. Deutsche satirische Wochenzeitschriften, die vor Kriegsbeginn mit bissigem Humor die Repräsentanten der Wilhelminischen Gesellschaft und des deutschem Militarismus der Lächerlichkeit preisgegeben hatten, wechseln nun überraschend die Seiten. Mit nationalen Stereotypen betreiben sie von nun an eine neue Zuordnung von gut und böse.

Man weiß genau, wo der Feind steht und macht es nicht nur im Werben um Kriegsanleihen deutlich. Der chauvinistische Patriotismus durchdringt alle Lebensbereiche: In Plakaten, Zeitschriften, Nagelkreuzen und Anstecknadeln begegnet er den Menschen in der Öffentlichkeit. Auf Stickkissen, Sammeltellern, Münzen, in Kaiserporträts, Bildpostkarten und Bildbänden erstrahlt er im Privaten. Selbst Kindern wird über Bilderbücher, Brettspiele, Lieder und Spielzeuge sowohl die moralische als auch militärische Überlegenheit Deutschlands suggeriert.

Im Gegensatz zur ländlichen Bevölkerung und zu Teilen der Arbeiterschaft, die von Beginn an ahnen, in welche wirtschaftliche und soziale Krise sie und ihre Familien geraten werden, gelingt es nur wenigen Intellektuellen Distanz zum Geschehen zu wahren. Zwar komponiert Max Reger – um ein Beispiel zu nennen – die „Vaterländische Ouvertüre". Doch bleibt ihm das Militärische bis zu seinem Lebensende fremd. Mehr noch: in seinem Requiem finden Trauer und Verzweiflung lange vor Kriegsende ihren musikalischen Ausdruck.

Noch deutlicher als Max Reger ging Heinrich Mann in Opposition zur nationalistischen Schwärmerei des Bildungsbürgertums, das den Krieg als Akt der Befreiung vom Korsett tradierter wilhelminischer Konventionen sah oder ihn als notwendiges Mittel zur Wahrung der deutschen kulturellen und politischen Eigenständigkeit legitimierte. Der Konflikt mit seinem Bruder Thomas, der als Literaturnobelpreisträger den Angriffskrieg als unumgänglich rechtfertigte, ging als „Bruderkrieg" in die Literaturgeschichte ein. Er belegt als seltenes Beispiel, dass kosmopolitisches Denken sich nicht erst nach 1918 als Haltung ausbildet, sondern dass es bereits vor 1914 Tendenzen gab, nationale Schranken zu überwinden.

Mit Kriegsbeginn galten solche Auffassungen als subversiv. In der unerschütterlichen Überzeugung, moralischer und militärischer Überlegenheit, kappte man politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Beziehungen zum feindlichen Ausland. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuße.

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AsKI KULTUR lebendig 2/2014

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