AsKI-Gemeinschaftsausstellung 2009/2010

Begegnung mit dem Fremden. Frühe Orientbilder im 17.–19. Jahrhundert. Gemeinschaftsausstellung des AsKI e.V. im Goethe-Museum Düsseldorf vom 27. September – 15. November 2009

Begegnung mit dem Fremden. Frühe Orientbilder im 17. - 19. Jahrhundert : Teil II

Winckelmann und der Orient Winckelmann-Gesellschaft, Stendal

Im dritten Teil der Begegnungen zeigt die Ausstellung Winckelmanns Beschäftigung mit den antiken Kunstschätzen des Orients. Obwohl man in Westeuropa bis ins 18. Jahrhundert kaum eine konkrete Anschauung von dieser Kunst hatte, behandelte er die Kunst des Orients im zweiten Kapitel seiner „Geschichte der Kunst des Alterthums" unter den Titeln „Von der Kunst unter den Ägyptern" und „Von der Kunst unter den Phöniciern und Persern". Die von ihm festgestellten stilistischen und ikonographischen Eigenheiten erlaubten erstmals eine klare Abgrenzung der persischen von der ägyptischen Kunst. Ebenso unternahm Winckelmann den Versuch, die Kunst der Phönizier zu beschreiben.

Johann Joachim Winckelmann, Description des pierres gravées du feu Baron de Stosch, dessinée […] et gravée […] par Johann Adam Schweickart Nürnberg, 1775 Staatsbibliothek Berlin

Da zu seiner Zeit noch keine Ausgrabungen in Sidon und Karthago stattgefunden hatten, boten ihm nur einige in Sizilien und Malta gefundene Münzen Anhaltspunkte. Neben babylonischen Rollsiegeln zeigt die Ausstellung vor allem jene Werke, die es damals Winckelmann ermöglichten, seine vergleichenden Betrachtungen anzustellen, so etwa der Reisebericht von Cornelis de Bruyn, der Kupferstiche von Persepolis enthielt, oder Robert Woods Werk über Palmyra, das Winckelmann für seine Studien zur Baukunst heranzog. Die ägyptische Kunst war besser bekannt. Reisende wie Richard Pococke (1704-1765) und Frederik Ludwig Norden (1708-1742) hatten ihre Reiseberichte mit Stichen illustriert, die eine Vorstellung von der Architektur und Skulptur Ägyptens vermittelten. Auf dieser Grundlage gelang es Winckelmann, erstmals eine stilistische Entwicklung in der ägyptischen Kunst aufzuzeigen. Daher gilt er als Begründer der Kunstgeschichte Altägyptens.

Novalis und das Morgenland, „Vaterland der Menschheit, Sprache und Dichtkunst" Forschungsstätte für Frühromantik und Novalis-Museum, Schloss Oberwiederstedt

Georg Friedrich Philipp von Hardenberg Porträt unsigniert, undatiert, Öl auf Leinwand Archiv Forschungsstätte für Frühromantik

Der folgende Ausstellungsbereich Inspirationen zeigt am Beispiel europäischer Literatur, hier vertiefend bei Novalis und Goethe, auf welche Weise die Beschäftigung mit dem Orient auf das eigene Schaffen gewirkt hat. Ganz unterschiedliche Faktoren haben - von den frühen Jugendarbeiten an - Friedrich von Hardenbergs (Novalis) Beschäftigung mit dem Orient angestoßen und befördert. Die zeitgenössische Literatur und die Wissenschaften waren für ihn bedeutendste Quelle seines Wissens über den Orient. Was und wie fleißig er gelesen und dann auch gern nachgeahmt hat, macht der dichterische Nachlass transparent. Das in den Bildern von Lessings Schauspiel Nathan der Weise nahe gebrachte und als vertraut empfundene Morgenland, für das ihn auch Herder begeistert hatte, spiegelt sich in frühen, noch vor dem Studium zwischen 1788 und 1791 entstandenen Gedichten, Plänen und Entwürfen wider. Geschichte, Sprache und Schrift als „Werkzeuge der Kultur" bleiben die Drehund Angelpunkte von Hardenbergs Beschäftigung mit dem Orient, der sich als wichtiges Bezugsfeld seines Poesie-Konzeptes immer schärfer konturiert. Ein umfassenderes poetisches Orient-Bild entwirft er in seinem Roman „Heinrich von Ofterdingen".

Goethe und der Orient, „Land des Glaubens, der Offenbarungen, Weissagungen und Verheißungen" Goethe-Museum, Düsseldorf

Im Zentrum steht die Beschäftigung Goethes mit dem Orient und den Gedichten des persischen Dichters Hafis. Diese intensiven Studien inspirieren Goethe zu dem größten lyrischen Zyklus, den er je geschaffen hat: dem West-östlichen Divan. Zuerst 1819 erschienen, vermittelt er in den kommentierenden „Noten und Abhandlungen" ein breites, auch den Fernen Osten einschließendes Wissen von der islamisch-persischen Kultur und Religiosität, deren Bedeutung für Goethe in den Versen „Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident!" am Prägnantesten zum Ausdruck kommt.

Johann Wolfgang von Goethe, Ginkgo biloba, Eigenhändige Niederschrift seines Gedichts, 15. September 1815, © Goethe-Museum Düsseldorf

Neben den Quellen, die Goethe für sein Studium herangezogen hat - etwa die „Fundgruben des Orients" von Hammer-Purgstall oder die Reisebeschreibung von Pietro della Valle -, zeigt die Ausstellung eine Reihe von Kostbarkeiten: aus dem Autographenbestand des Goethe-Museums Düsseldorf u.a. die Reinschrift von „Ginkgo biloba", aus der Klassik Stiftung Weimar z.B. die als Schmuckblatt gestaltete Reinschrift zum Divan Gedicht „Talismane" oder Goethes eigenhändige Schreibübungen in Hebräisch, Arabisch und Syrisch, und aus dem Freien Deutschen Hochstifts u.a. die eigenhändige Abschrift des Divan-Gedichts „Ungezähmt so wie ich war".

Goethes Begegnung mit dem Orient ist zudem ein Paradigma moderner, an das Erlebnis gebundener Ästhetik. Der Gedichtzyklus, in Bücher eingeteilt, der ab dem Sommer 1814 entsteht, verdankt sich der Begegnung mit Marianne Jung, bald darauf verheiratete v. Willemer, deren seelische Antwort in dem Sich-Hineinfnden in den Orient-Ton Goethes durch eigene Gedichte ihren Höhepunkt findet.

Faszination Orient: Mode-Erscheinung in der Alltagswelt Museum der Brotkultur, Ulm

Der dritte Ausstellungsbereich Orientmode zeigt eine kleine Auswahl von Alltagsgegenständen, sog. Chinoserien, die sich vor allem im Adel, aber auch im gehobenen Bürgertum großer Beliebtheit erfreuten: Zunächst wurden die Gegenstände, die aus fernen Ländern stammten, als exotische Dinge an sich bewundert. Doch allmählich ging man dazu über, die fremden Farb- und Formelemente in die eigene, europäische Kunst und Architektur zu integrieren und im Kunsthandwerk zu zitieren. Gezeigt wird dies u.a. an Meißener Porzellan, das sich am chinesischen Vorbild orientierte, oder an einem englischen Fächer, auf dem chinesische Figuren in europäischen Landschaftsszenen dargestellt sind.

So genannter Türke Gebäckmodel Hohenlohe-Schillingsfürst, um 1830, Holz Sammlung Museum der Brotkultur, Ulm

Parallel zu dem Interesse an Gegenständen des fernen Ostens entwickelte sich eine gewisse Vorliebe für das Osmanische Reich und den Orient. Allerdings differenzierten auch hier die wenigsten Europäer zwischen den einzelnen osmanischen Völkern, so dass man meistens nur von „den Türken" sprach. Hinzu kam, dass Napoleon 1798 Ägypten erobert hatte und von dort Motive und Formen in Europa einführte, die, verbunden mit antiken Elementen, den Stil des Empire-Klassizismus prägten. Dieses Interesse am Exotischen wurde unter dem Überbegriff „Orientalismus" zusammengefasst, der als Stilrichtung der Romantik des 19. Jahrhunderts verstanden werden kann. Im Gegensatz zu den Exotica der Kunst- und Wunderkammern und den damit einhergehenden Chinoiserien zeichnete sich der Orientalismus dadurch aus, dass er breitere Bevölkerungsschichten erfasste. Am Beispiel von Gebäckmodeln wie „Der Türke" oder „Die erste Giraffe in Wien" konnten sich auch das städtische Bürgertum und die ländliche Bevölkerung an dem Fremdartigen ergötzen.

Katalog

Katalog: Begegnung mit dem FremdenEin umfangreicher Katalog (110 S., mehr als 100 farbige Abb.) begleitet die Ausstellung. Neben einem einleitenden Essay von Andrea Polaschegg (Humboldt-Universität Berlin) enthält er Beiträge zu den einzelnen Kabinettbereichen „Begegnungen, Inspirationen und Orient-Mode" von Pia Hollweg (Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloß Gottorf, Schleswig), Brigitte Klosterberg (Franckesche Stiftungen zu Halle), Max Kunze und Axel Rügler (Winckelmann-Gesellschaft, Stendal), Uta Wallenstein (Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Schlossmuseum), Gabriele Rommel (Forschungsstätte für Frühromantik und Novalis-Museum, Schloss Oberwiederstedt), Volkmar Hansen (Goethe-Museum, Düsseldorf) sowie Annette Hillringhaus (Museum der Brotkultur / Vater und Sohn Eiselen-Stiftung, Ulm).
Der Katalog ist für 15,- € in der Ausstellung und für 15,- € zuzüglich Versandkosten über die AsKI- Geschäftsstelle (www.askishop.de) erhältlich (ISBN-13-978-3-930370-21-4).

Begegnung mit dem Fremden. Frühe Orientbilder im 17.-19. Jahrhundert

Eine Gemeinschaftsausstellung des Arbeitskreises selbständiger Kultur-Institute e.V. - AsKI, in Kooperation mit folgenden Mitgliedsinstituten: Forschungsstätte für Frühromantik und Novalis-Museum, Schloss Oberwiederstedt; Franckesche Stiftungen zu Halle; Goethe-Museum/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, Düsseldorf; Museum der Brotkultur/Vater und Sohn Eiselen-Stiftung, Ulm; Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloß Gottorf, Schleswig; Winckelmann-Gesellschaft mit Winckelmann-Museum, Stendal und mit Beteiligung der AsKI-Institute Freies Deutsches Hochstift, Frankfurter Goethe-Museum/Goethe-Haus, Frankfurt am Main; Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg; Klassik Stiftung Weimar sowie der Stiftung Schloß Friedenstein, Gotha.
www.begegnung-mit-dem-fremden.de

 Der Katalog wird gefördert durch die Udo van Meeteren Stiftung, Düsseldorf. Die Ausstellung wird gefördert aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Stationen

Goethe-Museum Düsseldorf (27. September - 15. November 2009)
Winckelmann-Museum, Stendal (16. Januar 2009 - 7. März 2010)
Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Schloß Gottorf, Schleswig (21. März - 30. Mai 2010)

 

Südböhmen, Hütten des Georg Franz August von Buquoy (1781–1851) in Silberberg und Georgenthal Teile eines Teeservices: Teller mit Boot fahrendem Chinesen. Um 1830 Hyalithglas mit Glanz- und Mattgoldmalerei © Klassik Stiftung Weimar

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