AsKI e.V. : Toleranz und Integration im aktuellen Verlagsprofil - Integration durch Bildung

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Das Museum als Integrationsort

Der AsKI e.V. hat seine nächsten Projekte - Ausstellungen, Kolloquien, Vortragsreihen - unter das gesellschaftlich aktuelle Thema "Toleranz und Integration" gestellt - zwei unabdingbare Voraussetzungen für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft, die von Zuwanderung geprägt ist.

Der Kultur kommt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, interkulturelle Dialoge zu initiieren, die das Eigene und das Fremde herausarbeiten, zugleich aber die Schnittmenge unterschiedlicher Traditionen und Werte produktiv nutzen, um auf diese Weise einen Prozess wechselseitiger Annäherung in Gang zu setzen. Zum Auftakt fanden am 16.11.2006 - dem Vortag der diesjährigen AsKI-Mitgliederversammlung - im Goethe-Museum Düsseldorf Vorträge und eine Podiumsdiskussion mit dem Titel "Toleranz und Integration im aktuellen Verlagsprofil - Integration durch Bildung" statt. Im Tagesprogramm wurde zunächst Verlagen die Möglichkeit gegeben, ihr Programm zu diesem Thema vorzustellen und zu erläutern.

Die Welt zeigen, wie sie ist

Publikation des Hanser VerlagsDen Anfang machte Dr. Friedbert Stohner von der Verlagsleitung Kinderbuch des Carl Hanser Verlages aus München, der auch für anspruchsvolle Kinder- und Jugendliteratur steht. Erzählungen und Berichte aus z.T. sehr fremden Gesellschafts- und Kulturbereichen vermitteln - abgesehen von den besonderen "lokalen" Aspekten - die doch vielen Jugendlichen gemeinsamen Erfahrungen und sollen auf indirektem Weg dazu beitragen, auch Kommunikationsprobleme mit ausländischen Mitbürgern im eigenen Land zu lösen. Stohner erläuterte an Hand von Beispielen das Konzept seines Hauses im Kinderbuchprogramm keine "Problembücher" zu veröffentlichen, sondern Kindern und Jugendlichen in anspruchsvollen Publikationen "die Welt so zu zeigen, wie sie ist". Denn Voraussetzung, um Verständnis für die Lebenswelt anderer zu entwickeln, sei die Kenntnis der eigenen Lebenswirklichkeit. Stohner betonte, er habe die Erfahrung gemacht, dass Jugendliche gar nicht vor anspruchsvollen Themen beschützt werden wollten, die Bücher müssten diese Zielgruppe aber auch erreichen. Leider gebe es momentan auf dem Buchmarkt für Kinder und Jugendliche eine starke Tendenz zum Leichten und Seichten. Wenn man von Sach- und Bilderbüchern absehe, komme der Buchhandel hier oft mit drei Tischen gut aus. Wilde Fussballkerle, Fantasy- und Glitzerbücher würden in Stapeln ausgelegt und die Förderung dieser Massenware werde damit begründet, dies seien Bücher für Jugendliche, die sonst gar nichts lesen würden.

Kritischer Diskurs und Akzeptanz der Vielfalt

Publikation der Körber-StiftungSusanne Kutz, Bereichsleiterin Kommunikation und Kultur von der Körber-Stiftung, Hamburg stellte zunächst die 1959 von dem Unternehmer Dr. Kurt A. Körber gegründete Stiftung vor, die unternehmerische Erträge in den Dienst der Gesellschaft stellt. Die 1996 gegründete edition Körber-Stiftung habe sich neben der Dokumentation der Stiftungsprojekte zum Ziel gesetzt, mit ihrem Programm vor allem sozialkritische Themen und politische Konfliktfelder aufzugreifen, um neue Diskurse in Gang zu setzen. Mit Themen wie: "Zweiheimisch. Bikulturell leben in Deutschland", "gekommen und geblieben - Deutsch-türkische Lebensgeschichten" "Worin unterscheiden sich deutsche und türkische Leitkulturen?" oder "Streetsoccer & Co. Wie Integration gelingen kann" sollen ihre Bücher Identifikationsmöglichkeiten bieten und Impulse geben, eigene Urteile zu überdenken, neue Sichtweisen zu finden und Alternativen zu entwickeln.

Im Fremden das Eigene reflektieren

Weltweit bedeutsame Probleme wie Globalisierung, Migration, multikulturelle Gesellschaften, Umwelt und Menschenrechte haben ihren Platz in den Schulbüchern gefunden. Prof. Dr. Hanna Schissler, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig, stellte zunächst die Arbeit des 1975 gegründeten Instituts vor, das zur Konfliktbewältigung und Friedenserziehung beitragen will. Seinen vielfältigen Aufgaben komme das Institut u.a. nach durch Beratung von Schulbuchverlegern und -autoren, durch die Unterstützung von Forschungsprojekten sowie die Publikation der Forschungsergebnisse. Frau Schissler, die zur Zeit an einem Projekt über die Darstellung von Migration und Migrationsgesellschaften in europäischen Geschichts- und Sozialkundeschulbüchern arbeitet, betonte, dass in unserer fragmentierten Gesellschaft der Postmoderne eine welthistorische Perspektivierung von Geschichte erforderlich sei. Die "eine" Welt, in der wir leben, sei zwar vielfältig verknüpft, aber diese Prozesse der Vernetzung würden nicht zu einer Angleichung von Lebenschancen weltweit führen, was wiederum eine Ursache weltweiter Armutsmigration sei. Unbestritten sei, dass schon jetzt nahezu alle Menschen in multiethnischen Gesellschaften lebten. Weltgeschichte könne die nationale Geschichte zwar nicht ersetzen, sie aber perspektivisch verändern. Gerade Schulbücher sollten deshalb die traditionelle nationale Darstellung überschreiten. Dem Begriff "Toleranz" brachte sie in diesem Zusammenhang einige Skepsis entgegen, da er ihrer Meinung nach klare Machtverhältnisse voraussetze, sie plädierte dafür, stattdessen im Fremden das Eigene zu reflektieren und zu gegenseitigem Respekt anzuleiten. Als Negativbeispiel führte sie an, dass in Schulbüchern häufig beim Thema Migranten immer noch euphemistisch von "unseren ausländischen Mitbürgern" die Rede sei, selbst wenn es sich um Menschen handele, die schon in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland lebten und hier geboren seien.

Toleranz gegenüber anderen und der selbstkritische Blick auf sich selbst

Dorothea-Anna Karpinski, Redakteurin beim pädagogischen Verlag an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr, stellte Beispiele aus einem umfangreichen Programm vor, dass sich mit über 720 lieferbaren Titeln insbesondere problematischen Themen wie Rassismus, Krieg, Sterben und sexueller Missbrauch widmet und Lehrern durch seine schnelle publizistische Reaktion auf aktuelle Bedürfnisse echte Hilfestellung bietet. Schulwissen, komplizierte politische, wissenschaftliche oder kulturelle Themen - unter besonderer Berücksichtigung des Islam - würden für die jeweilige Zielgruppe packend, verständlich und Neugier weckend aufbereitet. Wie erforderliche Lerninhalte anspruchsvoll und lebendig vermittelt werden können, demonstrierte sie anhand der Arbeitsmappen und Aktionsbüchern des Verlages. Der Verlag an der Ruhr hat etliche Auszeichnungen erhalten, u.a. von der Friedrich-Ebert-Stiftung für das "Politische Buch des Jahres" sowie den Gustav-Heinemann-Friedenspreis. Publikation des Hanser VerlagsDie abendliche Podiumsdiskussion - moderiert vom Vorsitzenden des AsKI, Prof. Dr. Volkmar Hansen - stellte die Frage nach einem bildungspolitischen Auftrag der Verlage in den Mittelpunkt. Teilnehmer waren: Dr. Gabriele von Glasenapp, Institut für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main; Dr. Ludger Claßen, Klartext Verlagsgesellschaft mbH, Essen, Mitglied des Vorstands des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Landesver band NRW ; Susanne Kutz, Bereichsleiterin Kommunikation und Kultur, Körber-Stiftung, Hamburg; Dr. Hans-Walter Schulten, Abteilungsleiter Integration, Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes NRW, Düsseldorf sowie Andrea Ernst von der ARTE-Redaktion des WDR-Fernsehens, die kurzfristig für Dr. Gualtiero Zambonini, den Beauftragten für Integration und kulturelle Vielfalt, WDR, Köln einsprang.

Wie nicht anders zu erwarten, gab es unter den Teilnehmern keine wirklich kontroverse Diskussion über einen bildungspolitischen Auftrag der Verlage und Medien zum Thema Integration. Deutlich wurde aber, dass es jenseits aller populistischen Debatten - wie sie etwa zur Zeit um den Kopftuchstreit, die Zwangsehe, den Sportunterricht geführt würden - auch viele Beispiele gelungener Integration gebe. Hier wurde besonders auf die in der edition Körber Stiftung dokumentierten Beispiele verwiesen. Viele Anstrengungen würden unternommen, sei es durch Rundfunk und Fernsehen (spezielle Hörfunkprogramme des WDR wie "Funkhaus Europa" und das Fernsehmagazin "Cosmo TV" wenden sich sowohl an Zuwanderer als auch an interessierte Deutsche), Verlage oder die Politik (z.B. der 20-Punkte Aktionsplan Integration in NRW) um in der multiethnischen Gesellschaft, in der wir mittlerweile leben, die Vielfalt auch als Chance zu vermitteln. Voraussetzung für gelungene Integration sei aber in jedem Fall, den Migranten ein positives Identifikationsbild zu vermitteln, das auch zur Identifizierung einlade. Hier gebe es - trotz gelungener Fußball-WM - auf deutscher Seite doch noch einige Defizite.

Franz Fechner

AsKI-Newsletter KULTUR lebendig 4/2006

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