Archiv der Akademie der Künste, Berlin: Mit Licht gezeichnet. Das Amalfi-Skizzenbuch von Carl Blechen

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Als der Landschaftsmaler Carl Blechen im November 1829 von einer 14-monatigen Italienreise nach Berlin zurückkehrte, führte er einen Schatz mit sich. Etwa 1000 Zeichnungen, Ölstudien, Aquarelle und Sepien waren im Süden entstanden und bildeten in den folgenden Jahren immer wieder die Grundlage seiner Gemälde.

 

Die Verhältnisse der Fahrt waren dürftig, die italienischen Arbeiten jedoch gelten als Höhepunkt im Blechen’schen Œuvre. In ihnen teilt sich der Eindruck des strahlend-hellen Lichtes ebenso unmittelbar mit wie das Gefühl von Freiheit, das die Ausnahmezeit der Italienreise prägte und das Blechen in eine Freiheit von gängigen Bildtopoi wie Motivik, Perspektive oder Lichtregie übersetzte.

Carl Blechen, Am Golf von Neapel, 1829, Graphit, Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin

 

Mit dem Amalfi-Skizzenbuch bewahrt die Kunstsammlung der Akademie der Künste in Berlin das Herzstück dieser Italienreise und präsentiert es nun zum ersten Mal vollständig. Die Hamburger Kunsthalle, die Alte Nationalgalerie in Berlin und die Casa di Goethe in Rom zeigen alle 66 großformatigen, in Graphit, Feder, Sepia und Aquarell ausgeführten Blätter dieser wohl berühmtesten Zeichnungssammlung der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts. Zugleich ist ein umfassender Katalog entstanden, der das Desiderat einer Publikation des Amalfi-Skizzenbuches auch jenseits der Ausstellungen behebt. Mit der Fülle der Zeichnungen eröffnen Buch und Ausstellung eine neue Sicht auf den Komplex und zeigen neben den bekannten Sepien aus Amalfi auch bisher kaum gesehene Blätter.

 

Carl Blechen, Der Negerkorporal, 1829, Aquarell über Graphit, Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin Zu diesen gehören die zarten, lichten Bleistiftzeichnungen der zerklüfteten Küste des Posillip bei Neapel. Wenige sichere Striche zeigen Blechens Faszination für die Weite und Helligkeit von Himmel und Meer. Vor Ort zügig und souverän ausgeführt, charakterisieren sie den Strand und die Felsen mit ihren Grotten, Villen und Ruinen. Erst auf den zweiten Blick offenbaren sich die klare Komposition und die frappierende Balance jedes einzelnen Blattes. Von Neapel wanderte Blechen weiter, blieb acht Tage in Amalfi, zeichnete auch im anschließenden Mühlental und in den Bergdörfern. Die Motive dieser meist in Sepia ausgeführten Blätter sind unspektakulär doch prägnant: helle kubische Häuser hinter schlanken Bäumen, in gleißendes Licht getauchte Mauern neben tiefen Schatten, Mühlbach und Brückenhäuser, frühe Industriebauten, Kirchen, Bauernhäuser und Berglandschaften.

 

Katalog: Carl Blechen - Mit Licht gezeichnet Das Vokabular zeitgenössisch romantischer Italienbilder interessierte Blechen in Amalfi wenig, ihn fesselte das Phänomen von Licht und Schatten. Aus dem trüben Norden kommend, überwältigte ihn das starke, klare Licht. Im Gegenlicht werden Baumstämme zu rhythmisch gereihten dunklen Vertikalen, von der süditalienischen Sonne überstrahlt lösen sich die Grenzen von Mauern und Böschungen auf und verbinden sich zu neuen Lichtkörpern, flirrende Lichtkanten umreißen Weinranken und Äste. In der Thematisierung des eigenen Sehens und der genauen Beobachtung des eigenen Sinneseindruckes ist das Amalfi-Skizzenbuch ein Initialwerk der künstlerischen Moderne. In ihm ist die Welt keine erzählte, sondern eine gesehene, sie ist nicht mehr stabil, sondern stets veränderlich. Landschaft wird zur flüchtigen Erscheinung in der Wahrnehmung des Künstlers: eine für das Jahr 1829 geradezu revolutionäre Abstraktion. Es liegt etwas kompromisslos Momentanes in diesen Bildern, eine Unmittelbarkeit, die der Historisierung trotzt und die den Betrachter noch heute die spezifische Atmosphäre des Mai 1829 in Süditalien erleben lässt, so als hätte Blechen Licht und Schatten, die Bewegungen des Blickes und der Sonnenreflexe, Hitze und Kühle ohne jeden Verlust aufs Papier gebracht.

 

Mareike Hennig

 

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